Worte für die Heimat finden? Schwer, fast unmöglich. Tahir Qaderi kann sich an sein Land kaum erinnern. Schemenhaft tauchen Bilder vor seinen Augen auf: der alte Königspalast in Kabul, ein Schwimmbad, die Gebirgspfade der Flucht, ein Pferdekadaver, vor dem sich das Kind fürchtete. Qaderi war sechs, als seine Familie aus Afghanistan fortging. Er hat seine alte Heimat seitdem nur einmal wieder besucht – 2002 in deutscher Uniform.

Tahir Qaderi ist jetzt 29, Muslim, seit neun Jahren bei der Bundeswehr und inzwischen Oberleutnant der Marine. Er sitzt in seinem Büro in einer mittelgroßen westdeutschen Stadt. Es sieht aus wie überall in deutschen Amtsstuben: Kunstholzschreibtisch, Grünpflanze, PVC-Boden. Nur Qaderi fällt auf an diesem Ort, seine Haare sind ein wenig zu schwarz, seine Haut ist ein wenig zu dunkel. Deshalb heißt er auch nicht Tahir Qaderi, seine Vorgesetzten haben darum gebeten, seinen Namen zu verändern. Zu groß ist die Furcht, dass radikale islamische Gruppen seine Arbeit bei der Bundeswehr ablehnen und ihn oder seine Familie bedrohen könnten.

Qaderi ist Wehrdienstberatungsoffizier, ihm gegenüber hockt, den Rücken krumm, sein erster Besucher an diesem Tag. Der junge Mann ist zehn Jahre jünger als Qaderi, er trägt blonde Strähnchen im Haar. Qaderi schlägt eine Mappe mit Klarsichtfolien auf, darin sind Fotos eines ausgebrannten Busses. "Ein Sprengstoffanschlag in Afghanistan. Da drinnen saßen deutsche Soldaten", sagt er. Auslandseinsätze gehörten nun zu einer Karriere beim Militär dazu. "Und die Bundeswehr kann nicht garantieren, dass Sie gesund oder überhaupt lebend zurückkommen." Diesen Satz sagt Qaderi immer gleich zu Beginn. Der junge Mann rückt ein wenig von den Fotos ab. Nach den Afghanistanbildern bemüht sich Qaderi, den Bewerber zu beruhigen, erzählt von guter Bezahlung beim Militär, der hervorragenden Krankenversorgung und verabschiedet ihn mit den Worten: "Ich hoffe, wir sehen Sie in naher Zukunft in Uniform." Der junge Mann fragt nach der Toilette.

An anderen Tagen reist Tahir Qaderi auch durch die Städte der Umgebung, um an Schulen für die Bundeswehr zu werben, um Nachwuchs zu gewinnen. Nachwuchs, der vielleicht einmal in seinem ehemaligen Heimatland kämpfen wird.

Nachdem Soufian Mehrazi im Sommer 2006 seinen Einberufungsbescheid bekommen hat, telefoniert er sogleich mit dem Kreiswehrersatzamt, mit einem Mann wie Tahir Qaderi. Er fragt, wie das sei mit "Ausländern" bei der Bundeswehr. Soufian Mehrazi stellt sich seinen neun Monate währenden Grundwehrdienst als einzigen Höllenritt vor, fürchtet, von Rechtsradikalen zusammengeschlagen und von Vorgesetzten schikaniert zu werden. Zugleich denkt er an den Wunsch seiner Mutter, dass einer ihrer Söhne zum Militär geht. Am Ende folgt er dem Willen der Mutter.

Seine ersten Wochen bei der Bundeswehr fallen in den Ramadan. Mehrazi fastet. Als ihm vor Hunger schwindlig wird, redet er mit seiner Mutter. Sie sagt ihm, wenn es nicht anders gehe, dürfe ein Muslim auch im Ramadan vor Sonnenuntergang etwas essen. Nur scheinen die Deutschen Schweinefleisch zu lieben, fast täglich steht es auf dem Speiseplan der Julius-Leber-Kaserne in Berlin. Mehrazi isst Nudeln mit Käse, Milchreis und die Beilagen. Nach zwei Wochen geht er zum Kantinenchef. Danach setzt der auch ein Gericht ohne Schweinefleisch für ihn und die etwa 15 anderen Muslime der Kaserne auf die Karte.

Soufian Mehrazi wohnt in Berlin-Neukölln, einem Viertel mit hohem Ausländeranteil, die meisten seiner Freunde sind Muslime wie er. Seine Kameraden bei der Bundeswehr kommen aus der ganzen Republik, manche haben noch nie einen Muslim getroffen. Mehrazi spürt das erste Mal, dass er zu einer Minderheit gehört. Ständig muss er Fragen beantworten: warum er kein Schweinefleisch esse. Ob er um drei Uhr früh aufstehe, um zu beten. Wie das mit der Unterdrückung der Frau bei den Muslimen sei. Soufian Mehrazi, 20 Jahre alt, Sohn eines Marokkaners und einer Algerierin, ist in Deutschland geboren und hat nie woanders gelebt als in Berlin. Nun muss er Auskunft geben wie ein Fremder.