Manchmal fragt sich Daniel Adamczak, wie es wohl früher gewesen sein muss, damals, als die Studenten noch Zeit hatten. "Kein voll gestopfter Stundenplan, kein Klausurenmarathon, keine Studiengebühren", sagt er mit verklärtem Blick. Was für eine Vorstellung! Seine ältere Schwester hat die Zeit noch erlebt, damals, vor acht Jahren, vor einer Reform-Ewigkeit. Und heute? "Das ist kein Studium mehr, das ist eine Ausbildung."

Er sagt es nicht wie einen Vorwurf, eher wie eine Feststellung. Adamczak ist 22 und macht seinen Bachelor in Germanistik an der Universität Duisburg-Essen, einer der größten im Land mit mehr als 30.000 Studenten. Und wie Adamczak da sitzt, in der überfüllten Cafeteria mitten auf dem Beton-Campus in Essen, huscht ihm ein Lächeln übers Gesicht. "Sicher, es könnte weniger stressig sein", sagt er, "aber ein bisschen Druck kann ich gebrauchen." Plötzlich friert sein Lächeln ein. "Wobei ich manchmal das Gefühl habe, dass es zu viel ist, dass ich kaputtgehe."

Es ist paradox: Einerseits schwärmt Adamczak von den alten Zeiten, die er nicht erlebt hat, und leidet unter dem permanenten Druck; andererseits fühlt er sich an der heutigen Uni wohl. Dieses "Sowohl-als-auch", dieses "Halbe-halbe", wie Adamczak sagt, ist typisch für die zwei Millionen Studenten in Deutschland. Sie alle sind Teil eines gigantischen Feldversuchs: denn die Universitäten verändern sich in so rascher Folge wie seit Jahrzehnten nicht.

Seit den Reformen Wilhelm von Humboldts im frühen 19. Jahrhundert, so weit gehen manche Beobachter, hat es solche Umwälzungen nicht gegeben; nicht nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht nach dem Sputnik-Schock, nicht nach 1968, nicht nach der deutschen Einheit. "Jetzt stehen die Reformen auf der Tagesordnung, die wir jahrelang nicht angegangen sind", sagt der Germanist Wolfgang Frühwald, früherer Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Wenn ein Student wie Adamczak die Broschüre einer deutschen Universität aus dem Jahr 1998 in die Hand bekäme, würde sie ihm von einer völlig anderen Institution erzählen als jener, die er heute kennt: Damals gab es Magister und Diplom, heute gibt es Bachelor und Master. Damals zahlten die Studenten niedrige Verwaltungsbeiträge, heute fallen zusätzlich bis zu 500 Euro Studiengebühren im Semester an. Damals waren die Hochschulen wie nachgeordnete Behörden, den Wissenschaftsministerien bis hin zur Bestellung von Tafelkreide Rechenschaft schuldig; heute sind viele selbstständig, etwa als Stiftungen mit einem starken Präsidenten an der Spitze. Damals war es, zumindest der herrschenden Meinung nach, egal, an welcher Hochschule sich die Erstsemester einschrieben; heute differenziert sich die Hochschulwelt in Elite-Unis und solche ohne Prädikat, in Fachhochschulen, die sich Universities of Applied Sciences nennen, in Privat-Unis und Unternehmenshochschulen.

Während die Befürworter der Reformen sie für unabdingbar halten, damit Deutschland auf dem weltweiten Bildungsmarkt mithalten kann, verurteilen Kritiker die Veränderungen als wirtschaftsfreundlich, ja neoliberal. Einig sind sich beide Seiten nur in einem: Die Reformen markieren das Ende der deutschen Universität. Denn die deutsche Universität gibt es tatsächlich nicht mehr. Oder, wie der Philosophieprofessor Walter Ch. Zimmerli, neuer Präsident der TU Cottbus, sagt: Wer von ihr rede, müsse das künftig im Plural tun. "Wir alle leiden am Erbe des Platonismus, die Vielheit auf die Einheit reduzieren zu wollen", sagt Zimmerli. In einer Zeit, in der nicht mehr wie in den sechziger Jahren acht Prozent eines Altersjahrgangs studieren, sondern fast vierzig, muss es auch viele Typen von Universitäten geben.

Heute kann eine deutsche Universität darum so aussehen wie die von Daniel Adamczak: eine Uni, die eher Schule ist als Hochschule, mit fixem Stundenplan und ständig überprüftem Wissen. An der nicht das Ausmaß der Selbstfindung den Takt vorgibt, sondern der Blick auf die Gebührenrechnung.