Vielleicht ist er jetzt, ganz zum Schluss, unvorsichtig geworden. Vielleicht hätte er den Stapel ruhen lassen sollen wie all die Jahre. Jerry Miller legt die in Plastiktüten gewickelten Papiere – die Gerichtsmitschrift, Polizeiunterlagen, Verhörprotokolle – zurück auf die Matratze am Boden. Er steht auf, geht durch den kahlen Flur des Hauses seines jüngsten Bruders, an den zerlöcherten Sofas und dem großen LCD-Fernseher vorbei, tritt vor die Tür und atmet durch. Es ist früher Abend in Südchicago, dem schwarzen Teil der Stadt. Leichter Wind geht durch die Bäume, vor den Türen der spartanischen Nachbarbungalows lungern Jugendliche vor ihren verbeulten Autos herum. Man kann den Highway hören.

Seit 26 Jahren gibt es diesen Stapel. Miller hat jedes neue Blatt, das seit dem 1. Oktober 1982 dazukam, sorgsam obendrauf gelegt und dann die Plastiktüten wieder dicht darum verschlossen. Die unteren Blätter sind mittlerweile fest miteinander verklebt. Miller hat diese Papiere beschützt wie sein Leben. Er hat gelernt, dass die Wahrheit ohne Beweise nichts wert ist. Auf Montag, 23. April 2007, ist das oberste, bislang letzte Dokument datiert. »Ihre Verurteilung ist aufgehoben«, steht dort knapp. Ein DNA-Vergleich hat erwiesen, dass Jerry Miller die Vergewaltigung, wegen der er 1982 verurteilt worden war, nicht begangen hat. Knapp 25 Jahre saß er unschuldig im Gefängnis. Länger, als er jemals in Freiheit war.

Jerry Miller blickt die Straße hinab und geht zurück ins Haus. Er, der seit Jahren ein Blatt auf das andere legt, hat in ihnen seit vielen Jahren nicht mehr gelesen. »Ich hätte da auch jetzt nicht reingucken sollen, Mann. Das wühlt mich zu sehr auf.« Als sei das Unrecht, das ihm geschah, jetzt in Freiheit schwerer auszuhalten als in den 25 Jahren seiner irrtümlichen Gefangenschaft.

Die Geschichte, wie sie das Polizeiprotokoll dokumentiert, beginnt an einem Mittwoch. 16. September 1981, 21.30 Uhr, Downtown Chicago, die weiße Nordstadt. Draußen regnet es. Im Büro ist es spät geworden, aber bis zum Parkhaus sind es nur ein paar Schritte. Roberta S. überquert die North Rush Street, nimmt den Aufzug zum obersten Stock und geht zu ihrem Auto. Seit acht Jahren parkt sie hier, seit sie diese abendlichen Computerseminare gibt. Roberta ist 44, nicht verheiratet und lebt mit ihrer Mutter zusammen. Sie schaltet die Alarmanlage ihres Autos aus und legt die Handtasche auf den Rücksitz, als sie hinter sich Schritte hört. Sie will sich umwenden, aber eine Stimme befiehlt: »Dreh dich nicht um!«

Ein Mann drängt sie ins Auto, schlägt sie ins Gesicht, würgt sie. Er sagt: »Wenn du mich anguckst oder schreist, bring ich dich um.« Sie gehorcht. Er nimmt ihr Geld, reißt ihre Bluse auf, zieht ihr die Goldkette vom Hals und drückt sie auf den Rücksitz. Als er fertig ist, zieht er seine Hose hoch. Er sperrt Roberta in den Kofferraum, nimmt das Parkticket, schaltet das Radio an und fährt in Richtung Ausgang.

Die Frau an der Kasse kennt Roberta schon seit Langem, den Mann hat sie noch nie gesehen. Sie fragt ihn erstaunt, wem das Auto gehöre, bittet ihn, etwas zurückzufahren. Von hinten tritt ein zweiter Parkhausmitarbeiter auf das Fahrzeug zu. Der Mann steigt aus, geht langsam in Richtung Kasse, beginnt dann zu laufen, rennt durch das offene Tor und verschwindet in der Nacht. Er trägt dunkle Kleidung und ein Haarnetz.

Die Geschichte, wie sie Jerry Millers erzählt, beginnt 72 Stunden später, an einem Samstag. 19. September 1981, Südchicago. Es ist ein Abend wie viele andere. Jerry liegt zu Hause bei seinen Eltern in der Hoxie Street auf dem Bett und blättert in einem Buch über Schweißtechnik. Er ist 22 Jahre alt und vor drei Jahren aus Korea heimgekehrt. Dort hatte er die letzten sechs Monate seiner Armeezeit für seine Einheit gekocht. Seitdem will er vor allem Spaß haben. Sein Sold ist dabei längst draufgegangen. Den Küchenjob in einem Restaurant auf der Nordseite der Stadt hat er gekündigt, weil sie ihm fürs Zuspätkommen Geld vom Lohn abgezogen haben. Das fand er nicht cool.