Da mag der Blick noch so scharf und kritisch sein: 2007 war für die Kinder- und Jugendliteratur ein wohlgefälliges Jahr, eines, das nochmals zeigen konnte, warum das Genre die größten Zuwachsraten hat, warum die Bestseller-Listen gegenwärtig von Büchern dominiert werden, die vor ein paar Jahren von – jetzt pflichtschuldigst begeisterten – Rezensenten nur mit spitzen Fingern angefasst wurden. Wenn überhaupt. Harry Potter fand zu seinem verdienten Ende, Cornelia Funke vollendete ihre fabulöse Tintenherz- Trilogie, Wolf Erlbruch zeichnete sein grandioses Trostbuch von Ente, Tod und Tulpe, Astrid Lindgrens wurde feuilletonweit gedacht und Paul Maar gefeiert.

Doch das alles ist ein bisschen zu schön – um ganz wahr zu sein. Wer in die Programme der Verlage und auf die Büchertische der Buchhandlungen sah, den konnte gelinder Schrecken erfassen: Mittelmaß und Kopisten allerorten, die Kluft zwischen Höhe- und Tiefpunkten vergrößerte sich rapide.

Umso erfreulicher, dass der Luchs immer häufiger in Deutschland seine Beute findet, ob es sich dabei um den tierisch leibhaftigen im Harz oder den metaphorischen Luchs von ZEIT und Radio Bremen handelt. Ob Bilderbuch, Sachbuch oder Roman: Von zwölf prämierten Luchs-Büchern des Jahres 2007 kamen acht aus heimischen Gefilden, allen (zutreffenden) Beobachtungen zum Trotz, dass deutsche Verlage vorwiegend auf Fantasy und Girlies setzen.

Jetzt ist hier heißt Tamara Bachs Berliner Jugendroman, der diesmal mit deutlichem Abstand zum Buch des Jahres gewählt wurde. Die 1976 in Limburg geborene Autorin erzählt neun Tage im Leben von einigen Jugendlichen, zwischen Silvester und Schulbeginn, verquickt deren Hoffnungen, Ängste und Familiengeschichten in Parallelmontage, springt mit unglaublicher Leichtigkeit hin und her, ohne den Faden oder den Leser aus den Augen zu verlieren.

Missglückte Partys, gespeicherte Handynummern, runtergeladene Songs, gebrannte CDs – Klänge und Bilder im Kopf entstehen, da Tamara Bach die Kunst beherrscht, Anleitungen zum lesenden Sehen und Hören zu schreiben. Schon in ihrem Erstling Marsmädchen , der 2003 den September-Luchs erhielt und 2004 den Deutschen Jugendliteraturpreis, hatte sie den Kosmos eines Mädchens in einer Kleinstadt geschaffen.

Hier nun sind es vier Protagonisten: Zanker, mit seinem umwerfenden Grinsen, Mono, der Musik für sich sprechen lässt und einem Traum von Mädchen folgt, Bowie, der um seine Mutter trauert, sowie Fienchen, die drei Freunde hat und einen davon liebt. Aus dem Leben und den Träumen dieser vier Menschen entwickelt Bach das Porträt eines Alters, einer Lebensphase, in der Gefühle mehr über Musik und Blicke vermittelt werden als durch Worte. Um Liebe und wunderbare Zufälle geht es ohnehin. »Es gibt«, denkt Fienchen, »einen Gott«, der manchmal »die Hand an der Zufallsfunktion des iPods hat« und manchmal auch repeat drückt. Nie hebt Tamara Bach den erklärenden Zeigefinger oder tappt in die Sprachfalle des Jugendslangs, es ist auch ihr untrügliches Gespür für Rhythmus und Konstruktion, das diesen Roman auszeichnet.

Luchse, so heißt es in alten Chroniken, können mit ihren scharfen Augen selbst durch Felsen sehen. Obwohl die Luchs-Jury, bestehend aus Gabi Bauer, Hilde Elisabeth Menzel, Marion Gerhard, Franz Lettner und dem Autor dieser Zeilen, jene freundliche Vermutung unserer Ahnen leider nicht bestätigen kann, freut es sie, dass auch die Plätze zwei und drei echte Entdeckungen sind.