Lammersdorf - Der Westwind rauscht über das von Sträuchern bewachsene Gleisbett, und die Hoffnung, die noch vor ein paar Tagen bei Thomas Reinartz aufgekeimt war, ist längst weggeblasen. Lokführer Reinartz, 41, hatte geglaubt, dass sein Heimatland sich für ihn einsetze. Doch aus Berlin kam deprimierende Kunde: Das Drei-Etagen-Haus an der Bahnhofstraße im Eifel-Örtchen Lammersdorf wird nicht von belgischem auf deutsches Territorium wandern. »Die Grenzfragen zwischen Deutschland und Belgien sind vertraglich abschließend geregelt«, verkündeten die Außenministerien in Berlin und Brüssel unisono. So wird die sechsköpfige deutsche Familie Reinartz weiter auf belgischem Grund leben, einem Stück monarchischen Hoheitsgebiets, umringt von bundesrepublikanischen Nachbarn.

Aus dem Wohnzimmerfenster deutet Reinartz auf die Ursache seines Leidwesens. Dort hinter der Hecke liegen die Schienen der Vennbahn-Strecke. 1885, als die heutigen Ostkantone Belgiens noch zu Preußen gehörten, wurde der erste Teil der Linie in Betrieb genommen, sie diente als wichtige Verbindung zwischen den Industriezentren im Rheinland, Luxemburg und Elsass-Lothringen. Nach dem Ersten Weltkrieg trat Deutschland die militärstrategisch wichtige Trasse an Belgien ab, eine Regelung, die bis heute gilt, auch wenn die umliegenden Gebiete zu Nordrhein-Westfalen gehören. Und so schlängelt sich ein zehn Meter breites Stück Belgien durch Wälder und Dörfer der Eifel.

Familie Reinartz flucht über die Probleme, die ihr das geopolitische Kuriosum bereitet. Der deutsche Briefträger liefert an Postleitzahl D-52152, ein paar Stunden später sein belgischer Kollege an B-4730. Die Reinartzens müssen ihre Grundsteuer in Deutschland entrichten und zwei Steuererklärungen abgeben, obwohl sie in Belgien nichts verdienen. Sie müssen ihre Versicherungen über das Königreich abschließen und in Raeren, etwa 14 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt, zum Amt gehen. Sie haben keinen Personalausweis, sondern die belgische Aufenthaltsgenehmigung. »Für uns ist das ein Behördenwahnsinn, mit dem wir uns ständig herumschlagen«, klagt Reinartz. Er hatte gehofft, Angela Merkels Bundesregierung sei an einer Vergrößerung ihres Landes interessiert – doch nun fühlt er sich »verraten und verkauft«.

Über die Vennbahn-Strecke fährt schon lange kein Zug mehr. In den achtziger Jahren lief der reguläre Betrieb allmählich aus, die touristische Nutzung endete 2002. Die Schienen gehören heute der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien, der kleinsten unter den drei autonomen Gemeinschaften der Monarchie. Deren Vize-Ministerpräsident Bernd Gentges hatte vor Kurzem den Abbau der Schienen beschlossen. In Zeiten hoher Wertstoffpreise fürchtet man skrupellose Plünderer. Das rief Marcel Lejoly auf den Plan, den von Brüssel entsandten Regierungskommissar: Ohne Gleise, so Lejoly, gehöre der Boden wieder Deutschland. Es gab noch mal Hoffnung für die Reinartzens, doch dann kam der Bescheid aus den Außenministerien.

Gentges wirkt überrascht, als er von den deutschen Bewohnern des ehemaligen Bahngeländes hört. Aber für ihn stellt sich die Frage nach einer Rückgabe nicht. Er möchte aus der »Vennbahn« einen touristischen Radweg durchs Nachbarland machen, der sich anschließt an bereits realisierte Radstrecken zwischen Aachen und Luxemburg. »Es ist sehr reizvoll, mit dem Fahrrad durch ein Mittelgebirge zu fahren und dabei nur eine Steigung von zwei Prozent zu haben«, erläutert Gentges. Sechs Millionen Euro soll das Projekt kosten. Spätestens 2011 sollen die Radler dann an Reinartz‘ Haus vorbeistrampeln. Der staatsrechtliche Streit ist für Gentges eher »wunderbare Werbung für unseren Radweg«.

Im Übrigen reißt man sich auch in den deutschen Kommunen nicht um das Gebiet. Wer weiß, welche Altlasten im Boden liegen. Immerhin, Karl-Heinz Hermanns, Beigeordneter der Gemeinde Simmerath, zu der Lammersdorf gehört, hat gute Nachricht. Immerhin muss Reinartz‘ Frau Tatjana ihren Führerschein nun doch nicht in Belgien machen. »Wir wollen helfen, wo wir können«, sagt Hermanns, also habe man mit dem Straßenverkehrsamt in Aachen eine Lösung gefunden. Jetzt müssten nur noch die Belgier mitspielen.