Das Böse trägt viele Masken. Es erscheint vielleicht in Gestalt des supernetten Fußballtrainers, es ist womöglich genau der, der sich nach dem Training noch hingebungsvoll kümmert, der lädt die Spieler sogar ins Kino ein! Das Böse naht auf leisen Sohlen, als sanfter Nachbar, oder klingelt pünktlich jede Woche an der Haustür, als Nachhilfelehrer. Es mag der Erzieher in der Kita sein, der sogar noch abends gerne die Kinder hütet, das Böse tarnt sich vielleicht als der oberlustige Familienvater, bei dem das Kind babysittet. Das Verderben, so lehren solche Beispiele der letzten Jahre, tritt fast nie in Gestalt des bösen Onkels auf, vor dem man Kinder einst warnte. Männer, die Kinder missbrauchen, und es sind zu über 90 Prozent Männer, die das tun, sind meist die netten Typen, nice guys machen sich an Kinder ran, so formulierte es ein Psychologe, na logo, bad guys kommen nicht ran. Schon das eine Tragödie. Wer möchte seine Kinder vor Leuten warnen, denen sie, arglos, wie Kinder sind, vertrauen, wer will Unschuld mit dem Stachel des Misstrauens zerstören?

Spielplatzbesuch mit dem Pädophilen. Er starrt auf ein Mädchen

Es geschieht am helllichten Tag. So lautet auch der Titel des Buches, das der Journalist Manfred Karremann seinen aufklärerischen Filmen für das ZDF hat folgen lassen und das sich, auch wenn es gelegentlich unbeholfen formuliert und besser strukturiert sein könnte, als eines der wichtigsten Bücher erweisen könnte, das Eltern in die Hand fallen kann. Es ist eine schmerzliche Lektüre. Reportagen aus der Welt der Pädophilen, in die sich der Autor undercover begeben hat, sie können Übelkeit auslösen.

Spielplatzbesuch mit dem Pädophilen Lukas. Ein schwerer Mann von 36 Jahren. Der starrt zwischen die Beine eines zierlichen Mädchens und fantasiert, wie toll »eine richtig liebevolle Beziehung« mit diesem Kind sein könnte, wenn es erst drei, vier ist, »dann hab ich das noch sieben, acht Jahre…« Lukas eilt in Richtung Toilette, »jetzt spannt mir wieder die Hose, ich muss das erst mal abarbeiten«.

Jeden Tag Opfer. Mädchen und Jungen. Rund 15000 erfasste Fälle im Jahr, die forensische Forschung geht davon aus, dass dies maximal 12 Prozent des Geschehens sind. Missbrauch gilt der Kriminalistik als eines der Delikte, die am wenigsten gemeldet, am schlechtesten kontrolliert sind. Der Tatort: überall, wo Kinder sind – Spielplätze, Schwimmbäder, Sportvereine. Es ist, in Zeiten eskalierender familiärer Gewaltverbrechen, üblich, die Täter im familiären Umfeld zu suchen, die Vermutung trifft bei etwa 16 Prozent der Täter zu, ein Drittel der Täter ist im Freundeskreis zu finden, der Rest – Fremde. Man würde sich wünschen, das Buch hätte ein besseres Lektorat gehabt, das solche Hintergrundinformationen griffiger orchestriert. Die Zahlen des sexuellen Missbrauchs sind seit Jahrzehnten konstant. Das ist alarmierender als wahrgenommen, denn die Zahl der Kinder ist in Deutschland bekanntlich seit den fünfziger Jahren implodiert, nicht aber die Zahl der Opfer. Missbrauch ereignet sich in einer kinderfernen Gesellschaft, der das nicht auffällt.

Es wäre nicht schwer, die Zeichen zu erkennen. Missbrauch verläuft nach ausgefeilten Mustern, Karremanns Buch hat das Verdienst, diese glasklar nachzuzeichnen. Der Erstkontakt. Regel 1: Vertrauen erschleichen. Das des Kindes, immer aber auch das der Eltern. Regel 2: Nichts erzwingen. Geduld.

Pädophile können warten, manchmal Jahre, bis das Opfer handzahm ist. Und dann sieht alles plötzlich so zufällig aus, der Arm um die Schulter, die Berührung am Schenkel, hups, da ist das Kleidchen schmutzig geworden, die Hilfe beim Ausziehen. Aber gar nichts ist Zufall in der Welt der Pädophilen, hat Karremann in vielen Gesprächen herausgefunden. In Internetforen schieben sich die »Pädos« Tipps und Tricks zu, auch solche juristischer Art. Dort lebt man in einer Subkultur der Pädophilie, in der nichts normaler scheint, als im Schwimmbad nach »kleinen Stippies« zu lechzen. Vereinstreffen auf Orts- oder Bundesebene. Karremann findet sich fassungslos inmitten eines deutsch-biederen Stammtischs wieder, Nebenzimmer Pizzeria, inkl. Witze jenseits der Schamgrenze. Mal ist er Gast in einer »Pädo-WG«, deren Schlafzimmer mit Matten ausgelegt sind, dann bei einer »Pädo-Party« im Berliner Plattenbau.