Am 1. Juli 2007 waren es fünf Jahre, dass das deutsche Stammzellgesetz in Kraft getreten ist. Obgleich es das Ergebnis einer jahrelang geführten Diskussion war, muss man nun feststellen, dass der gefundene Kompromiss nicht lange hielt. Die heutige Debatte konzentriert sich vor allem auf zwei Fragen. Zuerst geht es um die Frage, ob der im Stammzellgesetz festgelegte Stichtag für Stammzelllinien, die zu Forschungszwecken nach Deutschland eingeführt werden, verschoben oder gar grundsätzlich aufgehoben werden könnte. Ferner wird die Frage verhandelt, ob eine mögliche Strafbarkeit deutscher Forscher, die sich unter anderen Bedingungen an internationalen Forschungsprojekten der Stammzellforschung beteiligen, ausgeschlossen werden soll.

Der Ausgang der seit Monaten intensiven Auseinandersetzung ist im Augenblick offen. Die Parteien wollen keinen »Fraktionszwang« verordnen, sondern die Abstimmung für das Gewissen des einzelnen Abgeordneten freigeben. Dem Vernehmen nach wird es vier unterschiedliche Gruppenanträge geben, die jeweils von Abgeordneten verschiedener Parteien getragen werden.

Kein Wunder, dass es bei den weit gestreuten Haltungen auch unter den großen Kirchen Differenzen gibt. Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber, später in modifizierter Form unterstützt von der EKD-Synode, plädiert für eine Verschiebung des Stichtages auf den 1. Mai 2007. Die Zulässigkeit wird dabei von der Synode mit zwei Bedingungen verknüpft, dass nämlich die derzeitige Grundlagenforschung wegen der Verunreinigungen der Stammzelllinien nicht fortgeführt werden kann und dass es sich nur um eine einmalige Stichtagsverschiebung auf einen bereits zurückliegenden Stichtag handelt. Die katholische Kirche hatte schon 2002 die Schaffung eines solchen Stichtages abgelehnt.

Der Streit ist heftig. Er durchzieht fast alle Gruppen und Dimensionen der Gesellschaft. Bischof Huber spricht sogar davon, dass der Disput »Züge eines Kulturkampfes« habe. Was aber steckt wirklich hinter der Auseinandersetzung? Dies wird meist nicht offenkundig und zum Teil auch bewusst nicht zur Sprache gebracht. Es geht nämlich um den – wie man sagt – moralischen Status des Embryos, in der Folge um Menschenwürde und Lebensrecht im Blick auf ihn. Dabei darf man zwei verschiedene Tatbestände nicht übersehen, die nicht immer in aller Klarheit zum Ausdruck kommen. Bei der Herstellung von Stammzellen wird der Embryo getötet. An dieser Einsicht führt kein Weg vorbei, auch wenn man im Brustton moralischer Empörung eine »verbrauchende Embryonenforschung« ablehnt.

Embryonale Stammzellen haben das Potenzial, sich in jede der mehr als 200 Zellarten des menschlichen Körpers zu verwandeln. Sie gehören daher zu den begehrtesten Ressourcen der Medizin. Letztlich verbindet sich mit dieser Forschung die Hoffnung auf Therapien bis jetzt unheilbarer Krankheiten. Ich sehe hier davon ab, dass dabei manchmal vor allem Betroffenen unverantwortliche Heilungsversprechen gemacht werden und leichtfertig mit einer falsch verstandenen Ethik des Heilens und des Mitleids argumentiert wird. Dabei wird das Gewicht der Frage erkennbar, wie der moralische, auch ontologische Status und die rechtliche Qualität des Embryos eingeschätzt werden. Denn in jedem Fall ist die Forschung mit embryonalen Stammzellen – entweder entstanden durch gezielte Herstellung oder durch die Benutzung von »überzähligen« Embryonen, die bei der Retortenbefruchtung also nicht mehr für eine Schwangerschaft benötigt werden – ein grundlegender Eingriff in die Integrität des Embryos und sein Lebensrecht. Wie immer man sonst argumentiert: Der Embryo wird getötet, um Forschung betreiben zu können. Er wird – ganz im Sinne des Kantschen Denkens – nicht als Zweck an sich, sondern nur als bloßes Mittel behandelt.

Wenn diese Frage aber so gravierend und prinzipiell ist, kann man an ihrem Gewicht nicht vorbeigehen, wie es leider in der gegenwärtigen Diskussion vor allem von den Befürwortern geschieht.