DIE ZEIT: Herr Kagan, wie sollen die Vereinigten Staaten mit einem aufsteigenden China umgehen? Seine Macht eindämmen, mit dem Land zusammenarbeiten, auf einen Regimewechsel hinarbeiten?

Robert Kagan: Alles davon. In gewisser Weise geschieht das auch schon. Es gibt offenkundig ein Element von Eindämmung. Die amerikanischen Allianzen oder Beziehungen mit Japan, Taiwan, Südkorea, Australien, neuerdings Indien: Wie, denken Sie, sieht das von Peking her aus? Alle Länder an Chinas Peripherie haben ein zunehmend enges strategisch-militärisches Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Das ist eine Eindämmungsstrategie.

ZEIT: Und die Kooperation?

Kagan: Die Stoßrichtung der Zusammenarbeit war aus amerikanischer Sicht immer (was den Chinesen auch vollkommen klar ist): Zusammenarbeit, um China zu verändern. Das ist die liberale Weltsicht: Je mehr Handel wir treiben, desto mehr werdet ihr wie wir. Ich denke, es müsste mehr von dem geben, was in dieser ökonomischen Strategie fehlt: Unterstützung für Dissidenten, Engagement für politische Öffnung. Es herrschte ein sehr bequemer Glaube vor allem in den neunziger Jahren, dass wirtschaftliche Zusammenarbeit allein schon Wandel mit sich bringen werde – durch Rechtsstaatlichkeit, durch die Entstehung einer Mittelschicht, die dann politische Rechte verlangen wird, und so weiter. Wir müssen der Tatsache ins Angesicht schauen, dass das vielleicht nicht funktioniert. Dann müssen wir offensiver sein – und den Chinesen wird das nicht gefallen.

ZEIT: Warum soll sich der Westen überhaupt für die innere Liberalität Chinas interessieren?

Kagan: Wenn man auf China, die Vereinigten Staaten und die amerikanischen Alliierten in der Region schaut, dann sind wir zwar nicht auf Kollisionskurs, das wäre ein zu starker Ausdruck; aber wir sind in einer klassischen Situation, die sich ergibt, wenn Großmächte aufsteigen und der Rest der Welt damit umgehen muss. Üblicherweise, historisch betrachtet, geht der Rest der Welt damit um, indem er einen Krieg verliert oder gewinnt. Wie vermeidet man diesen natürlichen Konflikt? Ich denke, indem China demokratischer wird.

ZEIT: Sonst gibt es langfristig die Gefahr eines Konflikts, auch eines militärischen Konflikts, zwischen China und den Vereinigten Staaten?