In dem Gerichtsverfahren, das sich um die Lustreisen früherer Volkswagen-Manager dreht, habe der mächtigste Mann der deutschen Wirtschaft als Zeuge ausgesagt, schrieben die Zeitungen vor wenigen Tagen. Aber das ist nicht wahr, man muss das richtigstellen. Wahr ist, dass er sich an der Aufklärung des Sachverhalts gar nicht beteiligt hat. Er hat im Braunschweiger Landgericht ein Kompaktseminar gehalten, in dem die Justiz erfahren hat, dass sie der Wirtschaft nicht gewachsen ist. Am Ende bedankt sich die Vorsitzende Richterin brav bei dem Gastdozenten, der etwas ungeduldig wird, weil er zurück nach Salzburg will. Die Richterin sagt: "Herr Doktor Piëch, danke, dass Sie die lange Reise auf sich genommen haben." Da zwinkert der Aufsichtsratschef der Volkswagen AG gönnerhaft mit den Augen und macht sich auf den Weg.

Was haben diese Leute in den schwarzen Roben nicht alles angestellt, um etwas von ihm zu erfahren. Nichts hat Ferdinand Piëch eingeräumt, von Lustreisen auf VW-Kosten habe er nichts gewusst. Als die Verhandlung beginnt, legt er seinen Aktenkoffer vor sich auf den Boden, lehnt sich auf dem Stuhl zurück, bettet die ausgestreckten Beine auf den Koffer und zieht seine Brille, deren Gläser er sorgsam durch Taschentücher geschützt hat, aus dem Jackett. Dann beginnt sein Seminar für die Ahnungslosen. Eintritt könnte er verlangen. Dürfte ihm einer von den zahllosen Piëch-Hassern, die ihn belauern wie die hungrigen Hyänen den fressenden Löwen, jetzt im Gerichtssaal erleben, auch so einer müsste zugeben: Die Vorstellung des Alten ist überwältigend.

Piëch ist imstande, das Gericht weichzuspülen durch seine Härte. Man merkt es auch daran, dass niemand, kein Richter, kein Anwalt, kein Staatsanwalt, in diesen zwei Fragestunden auch nur ein einziges Mal wagt, den Doktortitel des Gastes zu unterschlagen. Es ist kein schöner Vormittag für die Justiz. Es ist nicht schön zu erleben, dass dieser mächtige Mann auch der mächtigste Mann an diesem Vormittag ist, der doch ein Vormittag einer zupackenden, mutigen Justiz sein könnte. Viele Wochen haben sich Richter, Staatsanwälte und Verteidiger darauf vorbereiten können. Wurde nicht mit neuen Zeugen gedroht, die Piëch belasten, mit neuen Erkenntnissen? Aber die Fragen an Piëch laufen ins Leere, oder sie prallen an ihm ab, und wenn die Fotografen nicht vor dem Saal hätten warten müssen, dann gäbe es jetzt vielleicht Bilder von den lässig übereinander geschlagenen Beinen des Zeugen Piëch und dem hilflosen Grinsen des Oberstaatsanwalts. Es wären nicht die Bilder einer verlorenen Schlacht. Es wären die Bilder eines missglückten Versuchs, die Schlacht zu beginnen.

Was passiert wäre, wenn Piëch davon erfahren hätte, dass jemand gegen die VW-Vorschriften verstieß? "Dann hätte er ein Problem mit mir", antwortet Piëch mit seiner rasselnden Stimme, die gelegentlich einer Silbe einen Hieb versetzt, bis einer der Sätze montiert ist, die dann im Gerichtssaal lange nachhallen. Ein Problem mit Piëch, niemand hier mag sich danach erkundigen. Jeder hat da eine eigene, bedrückende Ahnung. Man will ja auch nicht so genau wissen, ob in der Hölle noch immer ein Feuer lodert.

Am weitesten wagt sich der Hamburger Anwalt Johann Schwenn aus der Deckung, als er versucht, Piëch auf Widersprüche in seinen Aussagen hinzuweisen. Aber selbst dem angriffslustigen Schwenn ist die Vorsicht anzumerken, die Furcht vor einem missverständlichen Augenblick. "Ich mache Ihnen jetzt einen Vorhalt", sagt der Anwalt und erklärt Piëch, dass ein Vorhalt nicht als Vorwurf zu verstehen sei. Als Piëch aus seiner Firma berichtet, sagt der Verteidiger Wolfgang Kubicki: "Das finde ich wirklich in Ordnung." Weil Piëch so kurze Sätze hinwirft und so meisterhaft schweigen kann, werden die Fragen der Fragenden immer länger und komplizierter, die Antworten des Antwortenden immer kürzer und kraftvoller. "Herr Doktor Piëch, ich muss Sie das jetzt fragen", sagt der Anwalt Kubicki. "Bitte", antwortet Piëch lächelnd, "Sie dürfen ja fragen." Ein Gutsherr hat seinem Gesinde erlaubt, zum Erntedankfest den Salon zu betreten und ein paar Worte an ihn zu richten. Das Gesinde drängt unsicher herein, und der Gutsherr spielt das Spiel eine Weile vergnügt mit.

Ein Zuschauer beginnt im Gerichtssaal zu klatschen, als Ferdinand Piëch den Verteidiger Kubicki bei der Aussprache des Namens Lamborghini korrigiert. "Ich hoffe, ich habe Sie damit nicht herausgebracht", sagt Ferdinand Piëch zum Anwalt. Piëch bestimmt sogar, wann es lustig wird. Es ist mit einem Mal sein Vormittag geworden, so wie Volkswagen mit einem Mal seine Firma geworden ist. Je länger seine Gegner von seiner baldigen Entmachtung im Konzern sprachen, desto mächtiger wurde Piëch. Mit Ahnungslosen kennt er sich aus.

Ist das die deutsche Wirtschaft, dieser Alligator mit dem Aktenkoffer? Die deutsche Wirtschaft ist etwas schwer zu Greifendes, denkt man oft, sie besteht aus langen Zahlenreihen und butterweichen Zitaten, aus Events, Internetauftritten, Herausforderungen, dem Blubbern von Managern, einer wabernden Masse. Aber nun erfährt man, dass der frühere VW-Vorstandschef und jetzige Chef des Aufsichtsrats ein Posteingangsbuch führen lässt, in dem das Wichtige handschriftlich aufgeführt ist, damit das Wichtige eine Chance hat, ihn zu erreichen. Man erfährt, dass Piëch keine Unterschiede macht zwischen leitenden Angestellten und Topmanagern, für solche Details fehle ihm der Sinn. Man erfährt, dass er stets wachsam sein müsse, weil in den Werken so viel gestohlen werde. Alles Konturlose gewinnt durch ihn eine Physis zurück, die Wirtschaft ist wieder ein Ort der Physik. Überall rattert und zischt es. Geht etwas schief, dann knallt es.