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Wir hätten Auschwitz bombardieren sollen!«, meinte US-Präsident George W. Bush vor wenigen Tagen bei einem Rundgang durch die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Israel – eine Bemerkung, die gleich eine alte Debatte wieder aufflammen ließ. Hätten die Alliierten es wirklich tun sollen? Hätten sie es gekonnt? Militärisch wäre es nach der Landung britischer und amerikanischer Truppen auf Sizilien am 10. Juli 1943 möglich gewesen. Strategisch allerdings entschieden sich die Alliierten, alle Mittel für den Sieg einzusetzen. Und welchen Effekt hätte es da gehabt, das riesige, aus der Luft gut erkennbare Barackenlager südwestlich von Krakau anzugreifen, anstelle zum Beispiel der Hüttenwerke von Kattowitz oder der Arbeiterviertel von Essen?

Bevor der Völkermord beendet werden konnte, musste Deutschland niedergerungen sein. Um nichts anderes ging es. Nur durch den Sieg, nur durch die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht konnten Menschenleben gerettet werden. Auschwitz zu zerstören hätte dazu nichts beigetragen. Es wäre auch sinnlos gewesen: Die Nazis hätten andernorts weitergemordet, wenn nicht mit Gas, dann mit Maschinengewehren – so wie sie es in den besetzten Gebieten vor allem des Ostens getan haben.

Denn, und diese Zahl mag manchen überraschen, mindestens genauso viele jüdische Menschen, wie in den Todesfabriken umkamen, in Auschwitz, Majdanek, Sobibor oder Treblinka, genauso viele, an die drei Millionen, wurden auf andere Weise umgebracht, die meisten von ihnen in den besetzten Territorien der Sowjetunion. Östlich des Bugs gab es keine Gaskammern, keine moderne Tötungsmaschinerie. Von hier aus rollten auch keine Deportationszüge in die Vernichtungslager. Hier mordete man gleich an Ort und Stelle, zumeist öffentlich. Hier wurde erschlagen, erschossen, verbrannt, verhungert. Und verhungern ist durchaus als aktives Wort zu benutzen, wie umbringen oder verbrennen. Deutsche verhungerten im Zweiten Weltkrieg Russen, Weißrussen und Ukrainer in den eroberten Gebieten der UdSSR, und eben, vor anderen, auch Tausende und Abertausende jüdische Menschen.

Fünf Millionen von ihnen lebten zum Zeitpunkt des deutschen Angriffs, dem 22. Juni 1941, in der Sowjetunion – mitgerechnet sind dabei jene Gebiete, welche die UdSSR in der Folge des Hitler-Stalin-Paktes annektiert hatte, und auch die Flüchtlinge aus dem deutsch besetzten Teil Polens. Über eine Million wohnte in Gebieten, die nicht unter deutsche Herrschaft gerieten, etwa eine Million entkam durch Evakuierung oder Flucht, und 300.000 jüdische Männer waren als Soldaten zur Roten Armee eingezogen. Doch ungefähr 2,9 Millionen sowjetische Juden sind durch die raschen Vormärsche der Wehrmacht in deutsche Gewalt gebracht worden. Von diesen haben gerade einmal hunderttausend überlebt, meist in Partisaneneinheiten oder Verstecken in den Wäldern.

Der Ermordung voraus ging die Beraubung. Was sich im Reich mit »Arisierung« und »Reichsfluchtsteuer«, mit Sonderabgaben und Devisenbewirtschaftung in kleinen Schritten der Repression über Jahre hinzog, das geschah östlich des Bugs innerhalb eines Jahres. In den ersten Monaten wurden zum Teil riesige Kontributionen aus den Ghettos herausgepresst. Im galizischen Lemberg forderte der Chef der Einsatzgruppe C, Dr. Dr. Otto Rasch, bereits am 28. Juli 1941 20 Millionen Rubel in Gold. Dann verlangte man Pelze, ein Jahr später nochmals 10 Millionen, diesmal in Złoty. Das Gold und das Silber, das man in Odessa an der Schwarzmeerküste beschlagnahmte, wurden auf über 11 Millionen Rubel geschätzt. Und selbst das Städtchen Slonim, etwa auf halbem Weg zwischen Białystok und Minsk gelegen und bis 1939 polnisch, musste noch zwei Millionen Rubel aufbringen.

Der Besitz von Edelmetallen wurde den jüdischen Menschen kurzerhand verboten. Alles sollte »dem Reich« zugutekommen. Auch kleinere Mengen. So schickte man, ein Beispiel nur unter vielen, aus dem weißrussischen Städtchen Glebokie nach der »Auflösung« des Ghettos am 2. Juli 1942 Goldgegenstände im Gewicht von etwa vier Kilogramm an das Depot der Reichskreditkasse in Riga. Vieles blieb aber auch in den Händen der örtlichen Potentaten von SS, Wehrmacht und Partei. Kunstgegenstände oder wertvolles Mobiliar waren besonders begehrt.

Das systematische Morden begann damit, dass die eigens aufgestellten Einsatzgruppen der SS, Polizeieinheiten, aber auch einige Wehrmachteinheiten bereits beim Vormarsch in vielen Dörfern und Städtchen auf dem Land Kommunisten und Juden erschossen. Der britische Geheimdienst war über diese Massaker von Anfang an genau informiert, weil er die makabren Erfolgsmeldungen abhörte, welche die Polizeieinheiten nach Berlin sandten.

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Einer der ersten Funksprüche traf bereits kurz nach dem Einfall der Wehrmacht in die Sowjetunion ein. Am 4. August 1941, also noch einen Monat bevor in Auschwitz erste »Probevergasungen« an sowjetischen Kriegsgefangenen durchgeführt wurden, las man in London die decodierte Meldung mit. »Bis 3. 8. 41 abends«, hieß es da, »hat SS. Kav[allerie] Brigade 3274 Partisanen und jüdische Bolschewisten liquidiert. Eigene Verluste keine. Auf Anforderung der Wehrmacht hat ein SS Sonder K[ommando] eine Munitionskolonne der Wehrmacht, die nicht aufzufinden war, gefunden und den Transport sicher an Ort und Stelle geleitet. Mit Polizeikräften lediglich kleinere Aktionen. [] Bei Säuberungsaktion von Pol. Batl. 306 Freischärler erschossen.« Unter das Rubrum »jüdische Bolschewisten« fielen zu diesem Zeitpunkt vor allem jüdische Männer, vom Herbst 1941 an dann auch Frauen und Kinder.

Schon in dieser frühen Phase fanden bald noch weit größere Massaker statt. Das bekannteste ist wohl das von Babij Jar. An diesem Ort, einer Schlucht am Stadtrand von Kiew, kam es Ende September 1941 zu einer schier endlosen Metzelei mit Maschinengewehren. »In Zusammenarbeit mit dem Gruppenstabe und 2 Kommandos des Polizei-Regiments Süd«, so meldeten die Verantwortlichen nach Berlin – nicht über Funk, diesmal hörten die Briten nicht mit –, »hat das Sonderkommando 4a am 29. und 30. 9. 33771 Juden exekutiert. Geld, Wertsachen, Wäsche und Kleidungsstücke wurden sichergestellt und zum Teil der NSV [NS-Volkswohlfahrt] zur Ausrüstung der Volksdeutschen, zum Teil der kommissarischen Stadtverwaltung zur Überlassung an bedürftige Bevölkerung übergeben. Die Aktion selbst ist reibungslos verlaufen. [] Von der Wehrmacht wurden die durchgeführten Maßnahmen ebenfalls gutgeheißen…«

Die Menschen, unter ihnen viele Flüchtlinge aus Polen und Weißrussland, waren unter dem Vorwand, sie umzusiedeln, aus der Stadt gebracht worden. Die SSMänner und Polizisten teilten sie in Gruppen auf, sie mussten sich entkleiden und wurden dann, Gruppe für Gruppe, erschossen. Anschließend wurde ihre Hinterlassenschaft, Kleider und Taschen, geplündert. Pioniersoldaten der Wehrmacht sprengten den Rand der Schlucht, um das Verbrechen zu vertuschen.

Wie in Babij Jar suchte man als Tatort für die Massaker oft kleine Schluchten oder alte Panzergräben aus. So wurden zum Beispiel am 4. September 1941 74 jüdische Männer im gerade eroberten Nevel in Nordrussland an Panzergräben erschossen; die Zahl der Frauen und Kinder ist nicht bekannt. Allein 2977 Juden brachte man am 4. und 6. Juli in einem alten Fort in Kaunas um, und schon am 1. Dezember berichtete SS-Standartenführer Karl Jäger nach Berlin: »In Litauen gibt es keine Juden mehr, außer den Arbeitsjuden incl. ihrer Familien.« 137 346 Menschen waren seinem Einsatzkommando zum Opfer gefallen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Wehrmacht Leningrad erreicht – die Millionenstadt sollte nicht erobert werden, sondern, von den deutschen Truppen eingeschlossen, verhungern. Im nahen Schlüsselburg waren schon am 17. September alle Juden ermordet worden.

Ähnlich sah es im Süden der Front aus: Während der sieben Tage, in denen die Wehrmacht im November 1941 Rostow am Don besetzt hielt, wurden etwa tausend Juden ermordet. Ebenso in der Mitte: Am 28.Januar 1942, kurz bevor die Rote Armee im Gegenstoß die Stadt Velizh bei Smolensk zurückeroberte, trieben deutsche Polizei und russische Kollaborateure über fünfhundert Juden in den Schweinestall einer Kolchose und brannten ihn nieder. Diese Chronik des Grauens ließe sich lange fortsetzen.

Um möglichem Widerspruch gerade aus den Reihen der Landser zu begegnen, sahen sich mehrere Generäle veranlasst, das Morden zu legitimieren. So erklärte der Oberbefehlshaber der 6. Armee Generalfeldmarschall Walter von Reichenau am 10. Oktober 1941 »die erbarmungslose Ausrottung artfremder Heimtücke und Grausamkeit und damit die Sicherung des Lebens der deutschen Wehrmacht in Russland« zur Pflicht jedes Soldaten. Nur so werde »das deutsche Volk von der asiatisch-jüdischen Gefahr« befreit.

Viele Landjuden flohen in die Städte, die sicherer schienen. Dort sperrte man sie mit den einheimischen Glaubensgefährten in Ghettos, die von Anfang an kaum Lebensmittel erhielten und durch mörderische »Razzien« und Massaker terrorisiert wurden.

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Beispielhaft kann hier das litauisch-weißrussische Städtchen Slonim stehen. Es zählte in den dreißiger Jahren etwa 15.000 Einwohner, davon waren 8000 jüdisch. Nach 1939 flüchteten viele Juden aus dem deutsch besetzten Polen hierher, und nach dem Überfall der Deutschen kamen noch die Landjuden dazu, sodass die Zahl der jüdischen Bevölkerung zeitweise wohl weit über 30.000 Menschen betrug. Generalfeldmarschall Walter von Reichenau (1884 - 1942), Chef der 6. Armee, rief seine Soldaten im Herbst 1941 zur Beteiligung am Holocaust auf BILD

Bereits am 14. Juli 1941 – also noch vor der Übergabe der Stadt aus der Verantwortung der Wehrmacht an die von Berlin eingerichtete Zivilverwaltung – waren über tausend jüngere Juden auf dem Platz vor der Großen Synagoge unter dem Vorwand versammelt worden, man brauche Arbeitskräfte. Auf Lkw wurden sie aus der Stadt gebracht und etwa zehn Kilometer entfernt in einem Wald erschossen.

Am 14. September gab es eine zweite »Aktion« in Slonim. Männer des Sicherheitsdienstes der SS, Polizisten und Hilfswillige ermordeten dabei etwa 10.000 Menschen. Wieder waren die Opfer per Lkw aus dem Ort gebracht worden, diesmal ins zwei Kilometer entfernte Dörfchen Tschepilowo. Dort hatte man bereits Gruben ausgehoben. Und wieder lief es ab wie so oft: Die Menschen wurden gezwungen, sich nackt auszuziehen, sie mussten sich an den Rändern der Gruben aufstellen, dann peitschten die Schüsse los. Viele Menschen waren, als sie in die Grube sackten, noch am Leben, erstickten aber unter der Last der über sie stürzenden Körper.

Einigen wenigen Überlebenden gelang es in der Nacht, sich aus dem Leichenberg herauszuarbeiten. Sie flohen nach Slonim oder gleich in die Wälder. Der »Gebietskommissar« der inzwischen eingerichteten Zivilverwaltung, Gerhard Erren, ein ehemaliger Sportlehrer, zeigte sich derweil befriedigt, Slonim von »unnützen Essern« befreit zu sehen.

»Ganz normale Männer« nannte der amerikanische Historiker Christopher Browning 1992 sein viel beachtetes Buch über das Innenleben der Mordkommandos. In den Polizeibataillonen dienten vor allem Männer mittleren Alters, Familienväter. Im Reservebataillon 101 etwa kamen sie zu über 60 Prozent aus mittelständischen Berufen, 35 Prozent waren gelernte und ungelernte Arbeiter, der Rest Selbstständige und Akademiker. Ein Chauffeur, Alfred Metzner, sagte über seine Teilnahme an einem Massaker bei Slonim später aus: »Die Exekutionen wurden mit Schnellfeuergewehren, Karabinern, Maschinenpistolen, ganz nach Belieben durchgeführt. Es war erstaunlich, wie die Juden in die Gruben hineingingen, nur mit gegenseitigen Tröstungen, um sich dadurch gegenseitig zu ermuntern und dem Exekutionskommando die Arbeit zu erleichtern. Die Exekution selbst dauerte ca. 3 – 4 Stunden. Ich war die ganze Zeit an der Exekution beteiligt. Die einzigen Pausen, die ich machte, war, wie mein Karabiner leergeschossen war und ich neu laden mußte. Während dieser Zeit schoß ein anderer für mich. Es ist mir dadurch nicht möglich zu sagen, wie viele Juden ich während der 3 – 4 Stunden umgebracht habe. Wir haben während dieser Zeit ziemlich viel Schnaps getrunken, um unseren Arbeitseifer anzuregen…«

Das Ghetto von Slonim bekam im Dezember 1941 einen Stacheldrahtzaun. Viele Juden aber arbeiteten außerhalb in einem Lager der Wehrmacht für erbeutete Waffen. Diese Waffen wurden wiederhergestellt und dann vor allem an die Ordnungspolizei verteilt, die zumeist aus weißrussischen Kollaborateuren bestand. Es gelang den Arbeiterinnen und Arbeitern, Einzelteile aus dem Lager hinauszuschmuggeln; im Ghetto bauten sie dann die Waffen neu zusammen.

Kontakt mit Partisanen hatten sie schon im Herbst 1941 aufgenommen. Die suchten zwar vor allem Ärzte und Techniker, hießen aber auch jüdische Flüchtlinge willkommen. Innerhalb der Brigade Schtschors gründeten die Juden aus Slonim im Mai 1942 eine eigene Einheit, die Nr. 51, mit 120 Männern und Frauen. Außerdem entstanden im Wald »Familienlager«, in denen Alte und Junge lebten, die mit Reparaturen und Krankenpflege zu helfen versuchten.

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Am 29. Juni 1942 lösten die Deutschen das Ghetto von Slonim auf. Die Menschen wussten, was das bedeutete. Sie leisteten Widerstand. Heimlich hatten sie unter ihren Häusern bunkerartige Keller ausgehoben, die zum Teil mehrere Etagen tief in die Erde reichten, und weigerten sich nun, herauszukommen. Die Deutschen setzten das Ghetto in Brand und warfen Granaten in die Häuser. Nach drei Tagen gingen für die verzweifelt sich Wehrenden Nahrung, Wasser und Luft zur Neige. Nur wenigen gelang jetzt noch die Flucht in die Wälder – die meisten wurden zu vorbereiteten Gruben gekarrt und erschossen. Immerhin schafften es einige Familien, in dem verbrannten Ghetto auszuharren. Die Deutschen ließen sie zunächst am Leben und pferchten sie in ein neues, kleines Ghetto für »nützliche Juden«. Dieses wurde erst im Dezember 1942, vielleicht aber auch erst Anfang 1943 in einer weiteren »Aktion« vernichtet. Im Oktober 1942 jedenfalls konnte Erren melden: »Ich bin froh, die ursprünglich im Gebiet vorhanden gewesenen 25.000 Juden auf 500 zusammengeschmolzen zu sehen.«

Der Widerstand in Slonim war nicht einmalig. In sehr vielen kleinen und großen Orten der Sowjetunion haben sich die Opfer ihrem Schicksal entgegengestemmt. Das bot für die Deutschen oft den Anlass, die Ghettos anzuzünden, zum Beispiel Ende April 1942 in dem weißrussischen Städtchen Dolhinow.

Feuer war aber auch sonst ein gern verwandtes Mordinstrument. Immer wieder trieb man die Juden in Synagogen, Häuser oder Scheunen und verbrannte sie bei lebendigem Leibe, zum Beispiel am 19. November 1941 im Dorf Prudnoe oder am 11. Januar 1942 in einem Keller bei Ryndino, beide im Gebiet von Tula. Nicht zuletzt diese geradezu »mittelalterlichen« Mordtaten zeigen einmal mehr, dass sich der Holocaust wahrlich nicht auf das »industrielle« Töten in den Vernichtungslagern beschränkte.

Die jüdischen Partisanen aus Slonim brachten der Brigade Schtschors Glück. Es gelang ihr, zusammen mit anderen Widerstandskämpfern ein Gebiet zu erobern und die Ernte zu requirieren. Doch im Dezember 1942 schlugen die Deutschen in zwei »Unternehmen« mit den Namen »Hamburg« und »Altona« zurück. SS, Polizei, weißrussische Kollaborateure, Ordnungspolizei, Wehrmachtverbände (Teile von Sicherungsdivisionen) und Hilfswillige rückten konzentrisch in das Gebiet vor. Die Partisanen konnten meist entkommen, die Bewohner der Familienlager waren zu langsam. Sie wurden ebenso umgebracht wie die weißrussische bäuerliche Bevölkerung, die man der Unterstützung der Partisanen verdächtigte. So erschossen die Deutschen außer 1773 bewaffneten Partisanen noch 2205 weißrussische »Sympathisanten«, 2784 (unbewaffnete) Juden und 56 Roma.

Das Beispiel Slonim steht hier für viele weitere. Der Hamburger Historiker Christian Gerlach hat 2000 in seinem Buch über den deutschen Vernichtungskrieg in Weißrussland, Kalkulierte Morde, über fünfzig solcher »Unternehmen« allein in dieser Region gezählt.

Sein Moskauer Kollege Ilja Altman ermittelte in einer sehr sorgfältigen Untersuchung, dass von den 2,8 Millionen Juden, die in den besetzten Gebieten der UdSSR ermordet wurden, weit über die Hälfte bereits bis zum Herbst 1942 umgebracht waren. Nach dem Oktober 1943 lebten noch 50.000 Juden zwischen der Front und dem Bug, die aber bis zur endgültigen Vertreibung der deutschen Truppen aus der UdSSR ebenfalls getötet wurden. Im Hinblick auf Auschwitz bedeutet dies, dass der Großteil der russischen Juden bereits ermordet war, noch bevor dort, im Mai 1942, die ersten Selektionen verübt wurden.

Der 27. Januar, der Tag, an dem im Jahr 1945 sowjetische Truppen das – weitgehend geräumte und halb zerstörte – KZ Auschwitz erreichten, ist inzwischen zum internationalen Holocaust-Gedenktag geworden. Doch die Erinnerung an den monströsen Ort sollte nicht vergessen lassen, dass die Vernichtungslager zwar einen besonders erschreckenden, aber eben doch nur einen Teil des größten Völkermords des 20. Jahrhunderts bildeten. Entscheidend war der Mordwille der Nationalsozialisten und ihrer Komplizen, der nur durch die vollständige militärische Niederlage des Deutschen Reiches gebrochen werden konnte.

Der Autor ist Professor (em.) für Osteuropäische Geschichte an der Universität Hannover und Lehrbeauftragter für Globalgeschichte an der Universität Wien