Die Menschen, das sind ihre Geschichten – und die meisten Geschichten sind von Simenon. Simenon ist ein Spezialist für Menschenmögliches – zum Beispiel für die Trunksucht. Ich glaube, am liebsten hatte er die verschämten Säufer, nicht die, die zu ihrem Laster stehen. Man lese: Georges Simenon: Tante Jeanne; Roman; Diogenes Verlag, Zürich 2008; 204 S., 8,90 €. Der Diogenes-Verlag renoviert die Übersetzungen von Simenons Gesamtwerk, also auch die Tante Jeanne, die 1951 in der Originalausgabe erschienen ist.

Alt geworden, kam Jeanne – nach einem beinahe lebenslangen Aufenthalt in der Fremde – nach Frankreich zurück. Auf dem Bahnhof von Poitiers musste sie umsteigen, eine gute Gelegenheit zum Durstlöschen. Sie sagte aber nicht zum Kellner: Her mit dem Cognac! Sie bestellte vielmehr einen Kaffee, denn sie war fest entschlossen, ausschließlich Kaffee zu trinken. Aber dann an der Theke… Sie drückte es so aus: »Ein kleiner Cognac würde mir bestimmt guttun. Ich fühle mich nicht gut wegen der Hitze.«

Der verschämte Trinker fühlt sich beobachtet, und er versucht, seine Bestellungen an der Theke unschuldig, ganz normal aussehen zu lassen. Dabei verschont so ein Trinker mit seinen Selbstrechtfertigungen nicht einmal die Leute, die das Zeug verkaufen, von dem er abhängig ist. Jeanne, Tante Jeanne, litt außerdem an einer bei dieser Art von Trinkern häufigen Eigenschaft: an Selbstekel. Sie war sich zu dick und »musste all dieses weiche Fleisch mit sich herumschleppen, das sie anekelte und nicht als ihr eigenes empfand«.

Ich halte, anders als manche »Psychosomatiker«, Krankheiten nicht für ein symbolisches Kapital, aus dem einem die eigene Art, auf der Welt zu sein, heimgezahlt wird. Aber manche Leute erwischt es tatsächlich so, dass ihre Krankheiten, auch ihre Todeskrankheiten, haargenau in den Lebenslauf hineinpassen. Sie erkranken an dem, was sie am meisten hassen. Bei Tante Jeanne war es eine Krankheit, die diesen ihr fremden Körper noch dicker, noch fremder machte. Ihre Krankheit trug den für eine Alkoholikerin höhnischen Namen: Wassersucht.

Simenons Geschichte Tante Jeanne hat in meiner Lesart eine Pointe. Jeanne kehrte, geschlagen, verwundet, allein, ins Vaterhaus zurück. Die Firma, eine Weinhandlung, hatte der Bruder übernommen. Dieser Bruder – Jeanne erfährt es kurz nach ihrer Ankunft – hatte Selbstmord begangen. Das Geschäft war ruiniert, und zwar so gründlich, dass keine gute Miene zum bösen Spiel mehr möglich war. Einen bürgerlichen Eindruck konnte aus der Familie niemand mehr erwecken. Jeanne traf auf die Gattin ihres Bruders, die auch eine Trinkerin war und die Jeanne gestand: »Ich habe alles versucht. Ich habe es fertiggebracht, Tage, eine Woche, manchmal zwei, nichts anzurühren. In dieser Zeit habe ich darauf geachtet, dass nichts im Haus war, und ich bin auch nicht ins Weinlager rübergegangen. Ich kann nicht mehr, Jeanne, ich bin am Ende… Ich hätte sterben sollen. Das wäre besser gewesen!«

Was sich also vor Jeannes Augen abspielt, ist der Zerfall ihrer Familie. Sie wird angesichts der verlorenen Kinder ihres Bruders zu »Tante Jeanne«, und das ist die Pointe: Die kranke und seelisch zerrüttete Frau übernahm mitten im familiären Desaster die Rolle »der letzten Hoffnung«. Die Hoffnungslosen klammerten sich, wie widerstrebend auch immer, an sie. In dieser Rolle erholte sie sich nur vorläufig. Aber ans Untergehen war sie ja gewöhnt; sie kannte das Hohelied der Dekadenz: »Wenn man anfängt unterzugehen, ist es manchmal ein Hochgenuss, immer tiefer zu sinken.«