Horst Köhler: Herr Kabwe! Wie schön, Sie in Berlin zu sehen, und dann auch noch in Schloss Bellevue. Wir treffen uns in einem Saal wieder, der von Carl Gotthard Langhans gestaltet wurde – dem Architekten, der auch das Brandenburger Tor entworfen hat.

Herr Kabwe, das erste Mal begegneten Sie beide sich im Februar 2001 vorm Sheraton-Hotel in Daressalam. Herr Köhler war Staatsgast. Und Sie, Herr Kabwe, waren Demonstrant. Sie wurden von der Polizei festgenommen…

Zitto Kabwe: Herr Köhler war Chef des Internationalen Währungsfonds und besuchte Tansania. Ich war noch nicht Parlamentsabgeordneter meines Landes, sondern studierte Wirtschaftswissenschaften und war in der Studentenbewegung. Mit Kommilitonen schlich ich mich an den Kontrollen vorbei zum Sheraton Hotel, wo sich Horst Köhler mit zehn Staatspräsidenten traf. Wir waren vielleicht drei Meter von Ihnen entfernt, als ich mein Transparent entrollte. Darauf stand auf Englisch: "Gebühren für Bildung und Gesundheit können nur von Horst Köhler und James Wolfensohn gezahlt werden".

Wolfensohn war der damalige Chef der Weltbank.

Kabwe: Unser Protest richtete sich gegen beide Institutionen. Auf dem Schild meines Kommilitonen stand: "Warum rauben IWF und Weltbank die Armen aus und bezuschussen die Reichen?" Eine Minute nachdem wir die Plakate entrollt hatten, nahmen uns Polizisten fest. Sie haben uns ins Auto gezerrt und zur Wache gebracht. Dort wurde eine Demonstrantin geohrfeigt, einem Fotografen nahm man die Kamera ab und schlug ihn. Wir mussten den Tag in Gewahrsam verbringen und kamen nur frei, weil sich Menschenrechtsanwälte einschalteten.

Was hat Sie so aufgebracht gegen Horst Köhler?

Kabwe: Als Sie noch Chef des IWF waren, Herr Bundespräsident, waren Sie ein Feindbild für mich, ein Kolonisator. Der IWF hat mit seinem Strukturanpassungsprogramm mein Land ärmer gemacht. Er beschneidet uns in der Freiheit, die Entwicklung unseres Landes selbst in die Hand zu nehmen. Der IWF drängte uns zu Privatisierungen bei Wasserversorgung, Gesundheit und Bildung – mit fatalen Folgen, wie wir bei der Demo 2001 zu Recht befürchteten. Bei Privatisierungen war Korruption allgegenwärtig. Ehemals staatliche Firmen gerieten in die Hände einiger weniger Leute mit guten Beziehungen zur Politik, sie wirtschafteten die Firmen herunter. Und weil diese Firmen bankrott gingen, wurden viele Menschen arbeitslos. Viele von ihnen leben heute in Armut. Diese Probleme waren auch für den IWF absehbar, Herr Bundespräsident.