Es gibt Krisen, die lassen sich nur unzureichend mit Zahlen beschreiben. Die Krise der Tagesthemen ist so ein Fall. Auf dem Papier, das der zuständige Chefredakteur Thomas Hinrichs zur Hand nimmt, steht eine schwarze 10. Zehn Prozent – so hoch lag der Marktanteil, den die Tagesthemen im vergangenen Jahr im Durchschnitt erreichten. Von hundert Zuschauern, die abends, wenn die Tagesthemen auf Sendung gehen, ihren Fernsehapparat anschalten, hat sich 2007 nur noch jeder zehnte für die ARD entschieden. Ein Jahr zuvor waren es 0,6 Prozentpunkte mehr; vor fünf Jahren lag der Marktanteil bei 11,4 Prozent.

Nun gibt es für die sinkende Quote verschiedene, zum Teil hausgemachte Gründe. Seit die ARD ihr Abendprogramm wild reformiert, wechseln die Anfangszeiten der Sendung nach Belieben. Innerhalb eines Jahres wurden beide Moderatoren ausgetauscht. Und trotzdem, rechnet Thomas Hinrichs vor, sei die Zahl der Zuschauer in absoluten Zahlen in den vergangenen fünf Jahren sogar stabil geblieben (siehe Grafik).

Dennoch schlug Anfang des Jahres über den Tagesthemen eine Welle der Kritik zusammen, pünktlich zum 30. Geburtstag der Sendung. Von einem »kränkelnden Jubilar«, der nicht nur Marktanteile, sondern auch Relevanz verliere und »am Zuschauer vorbei« sende, schrieb die Süddeutsche Zeitung . Die FAZ stellte fest: »Die Zeiten, in denen man die Tagesthemen gesehen haben muss, sind lange vorbei.« So scharf urteilten die Zeitungsjournalisten über die Fernsehmacher, dass der Verdacht naheliegt, hinter den sinkenden Einschaltquoten der Tagesthemen verberge sich in Wahrheit eine ganz andere, viel weiter reichende Diskussion. Denn der politische Journalismus insgesamt ist unter Druck geraten. Die Öffentlichkeit ist zerstreuter, die Zuschauer sind ungeduldiger geworden – und die Politik versteckt ihre Substanz hinter immer größeren Inszenierungen. Mit den Folgen kämpfen Zeitungsmacher genauso wie Fernsehjournalisten: Wenn schon die Tagesthemen nicht mehr geguckt werden, wer soll dann die politischen Zeitungen und Zeitschriften noch lesen?

Der Tag, an dem die Kanzlerin mittags in Berlin eine Pressekonferenz geben will und die ARD am Nachmittag einen neuen Dopingskandal enthüllen wird, beginnt für die Mitarbeiter der Tagesthemen wie immer um halb elf. Um halb zwölf besprechen die fünf Redakteure und die Moderatorin Caren Miosga zum ersten Mal die Sendung. Miosga kämpft mit immer mehr Taschentüchern gegen einen üblen Schnupfen. Ihre Stimme klingt verschärft nach Grippe. Aber abends wird man das nicht hören.

Kardinal Lehmann hat am Vormittag in Mainz seinen Rücktritt vom Vorsitz der Bischofskonferenz erklärt. Ein Beitrag hierzu ist bereits bestellt. Routine. Mehr Sorgen bereitet ihnen Merkels Pressekonferenz. Noch steht nicht fest, ob die Kanzlerin den Wahlkampf weiter anheizen oder eher beschwichtigen wird. Aber klar ist, dass alle Nachrichtensendungen hierüber ausführlich berichten werden. Auch die Redakteure der Tagesthemen kommen an dem Termin nicht vorbei, aber wodurch wird sich ihr Beitrag von all den anderen unterscheiden? Wie können sie das Ziel, das sie sich selbst gesteckt haben, erreichen, die Berliner Politik nicht nur abzubilden, sondern auch einzuordnen und zu übersetzen?

Das Erste, was einem auffällt, wenn man das Allerheiligste des deutschen Nachrichtenwesens, die Redaktionsräume von Tagesschau und Tagesthemen in Haus 18 auf dem Gelände des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg-Lokstedt betritt, ist: Ruhe. Der Handyhersteller Nokia will 2000 Mitarbeiter in Bochum entlassen, auch Bahnchef Mehdorn droht mit Kündigungen, die Tagesschau war schon drei Mal auf Sendung. Doch in dem Großraumbüro, in dem die nächsten Ausgaben vorbereitet werden, fällt kein lautes Wort. Die Redakteure telefonieren mit gedämpfter Stimme. Tonlos werfen die Fernsehschirme von der Stirnseite immer neue Bilder in den Raum. Wütende Arbeiter aus Bochum, kämpfende Afrikaner aus Kenia. Der dunkle Teppich dämpft die Schritte. Die Ruhe wirkt fast ein bisschen unheimlich.

Vor ein paar Jahren erst hat die ARD ihre »Nachtlücke« geschlossen; nun verpackt die Tagesschau das Weltgeschehen auch noch um 2.30 Uhr in handliche Pakete. Schließlich rechtfertigt nichts die umstrittenen Gebühren der öffentlich-rechtlichen Sender leichter als der Hinweis auf das Nachrichtenangebot von ARD und ZDF. Im kommenden Jahr sollen die Gebühren erneut um 95 Cent auf dann 17,98 Euro monatlich steigen. BILD

Seit die Nachtlücke geschlossen ist, arbeiten die 240 Mitarbeiter von ARD aktuell im Schichtbetrieb rund um die Uhr; ein Studio in Haus 18 ist immer einsatzbereit. Längst hat sich das Allerheiligste des deutschen Nachrichtenwesens in eine Fabrik verwandelt, die Tagesschauen am Fließband produziert, bis zu 22 Ausgaben pro Tag. Das jüngste Kind von ARD aktuell heißt EinsExtra und wird im Digitalfernsehen ausgestrahlt: Fünf Stunden Nachrichten nonstop, täglich von 14 bis 19 Uhr. Von Februar an sollen es zehn, später sogar elf Stunden werden.

Wollen die Zuschauer »echte Menschen« sehen?

Von einer Krise will Thomas Hinrichs, Zweiter Chefredakteur von ARD aktuell, nichts wissen. »Was es gibt«, sagt er, »ist die Aufsplitterung des Marktes.« Die ARD hat ihre Nachrichten deshalb in den vergangenen Jahren einem immer schärfer werdenden Wettbewerb angepasst – nicht ihre Inhalte, aber ihren Rhythmus. Wer will, kann die Tagesschau mittlerweile um neun, um zehn, um zwölf, um ein Uhr einschalten. Man kann sie digital empfangen, im Internet aufrufen und Hundert Sekunden , die ständig aktualisiert werden, kostenlos auf dem Handy angucken. In den Augen der ARD-Verantwortlichen ist EinsExtra die Lebensversicherung der öffentlich-rechtlichen Nachrichten für den Tag, an dem die Mehrheit der Zuschauer nicht mehr wie bisher 30, sondern 300 Fernsehprogramme frei empfangen wird – und der Marktanteil der einzelnen Programme zwangsläufig weiter sinkt. Nur: Welche Aufgabe kann dann noch eine Sendung wie die Tagesthemen erfüllen? Eine Institution, die drei Jahrzehnte lang davon gelebt hat, dass ihr per se Bedeutung zugemessen wurde – und die sich darauf verlassen konnte, dass journalistische Qualität ihr Publikum findet?

Viertel nach eins, der Nachrichtentag in Hamburg-Lokstedt schreitet voran. Die Meldung von der Schließung des Nokia-Werks in Bochum zieht Kreise. Angela Merkel sitzt immer noch vor der blassblauen Wand der Bundespressekonferenz in Berlin und beantwortet Fragen; wieder einmal viel Inszenierung, wenig Substanz. Ein Kollege aus dem Berliner ARD-Studio ist deshalb in eine Berufsschule gefahren, um mit Schülern über Merkels Auftritt zu sprechen. »Reality Check« heißt das im Jargon der Planer. Nichts, glauben die Fernsehmacher, schätzten die Zuschauer so sehr wie »echte Menschen«.

»Die Vermittlung von Politik ist schwieriger geworden«, sagt Thomas Hinrichs. Im vergangenen Jahr hat die ARD eine Umfrage in Auftrag gegeben, um herauszufinden, was die Zuschauer von den Tagesthemen erwarten. Ein Ergebnis: Beiträge über die Sommerreise von SPD-Chef Kurt Beck oder die Tour des Außenministers durch seinen neuen Wahlkreis in Brandenburg haben es schwer. Die Zuschauer haben offensichtlich ein gutes Gespür dafür, wenn die Politik zur Show verkommt. Ein andere Klage betrifft den Jargon und die technokratische Sprache der Politik, die die Berichterstattung allzu oft übernimmt. Bei Wörtern wie Gesundheitsfonds oder Föderalismusreform schalten viele Zuschauer innerlich ab – und zappen weiter.

Früher galt: »Wer nicht einschaltet, ist selber schuld«

Vieles, was die Zuschauer einfordern, ist journalistisches Handwerk. Doch es gibt auch neue Schwierigkeiten. Ob Klimawandel, Immobilienkrise oder Nokia-Subventionen – seit immer mehr Akteure in immer mehr Ländern Politik und Wirtschaft beeinflussen, stoßen die Nachrichtenmacher immer häufiger an ihre Grenzen. Zumal im Fernsehen, wo die Informationen von jeher mit der Flüchtigkeit des Mediums und der Übermacht der Bilder ringen. Tagesthemen- Chef Hinrichs zieht aus den veränderten Bedingungen einen scheinbar einfachen Schluss: »Die Welt wird komplexer, wir müssen langsamer werden.«

Das sagt sich leicht und wirkt doch paradox – in einer Nachrichtenfabrik, die ihre Mitarbeiter vor allem auf Schnelligkeit getrimmt hat. Weniger Themen, am liebsten zwei Schwerpunkte pro Sendung und einzelne, herausragende Beiträge, die statt der üblichen zweieinhalb auch einmal vier Minuten dauern dürfen: Was klein klingt, wird groß, wenn man die Folgen sieht. Weniger Themen aus der Nachrichtenflut herauszugreifen verlangt eine stärkere Gewichtung und damit Wertung. Die Tagesthemen , das viel beschworene Hochamt des Nachrichtenjournalismus, werden damit zwangsläufig: subjektiver.

Wie schwierig es ist, die guten Vorsätze umzusetzen, zeigt sich am Abend. Noch bleiben knapp drei Stunden bis zur Sendung, doch die Themen des Tages sind zu einem vorläufigen Sendeplan geronnen. Mehdorns Drohungen und die Werkschließung in Bochum stehen mittlerweile am Anfang der Sendung. Kein Schwerpunkt, aber zwei Beiträge zum Thema Arbeitsplätze mit »echten Menschen«. Merkels Pressekonferenz ist auf den dritten Platz durchgerutscht. Die Berufsschüler haben ihren Auftritt klug kommentiert, doch der Versuch, die Inszenierung der Kanzlerin durch die Konfrontation mit der »Wirklichkeit« zu konterkarieren, wirkt seinerseits – arg inszeniert. Nicht infrage steht der Beitrag zum Lehmann-Rücktritt. Dagegen ist die Reportage aus Kenia, als Solitär zwischen zwei Nachrichtenblöcken eingeplant, auf drei Minuten geschrumpft.

Mehr Subjektivität? Im Prinzip hätte Caren Miosga dagegen wohl wenig einzuwenden. Die 38-Jährige hat das Kulturmagazin Titel Thesen Temperamente moderiert, bevor sie im vergangenen Sommer die Nachfolge von Anne Will antrat. »In der Kultur war Subjektivität Pflicht«, sagt sie. Bei den Tagesthemen ist das Persönliche dagegen doppelt gefährlich. Wer zu wenig Eigenes einbringt, gilt schnell als farblos. Wer zu sehr Position bezieht, wird für die Zuschauer unglaubwürdig. Miosga hat sich ähnlich wie ihr Kollege Tom Buhrow dafür entschieden, anfangs vorsichtiger aufzutreten.

Neulich haben die Tagesthemen Ausschnitte aus der ersten Sendung von 1978 gezeigt. Vor allem die Haltung des Moderators, sagt Miosga, habe sich verändert: »Ich fand es großartig, wie lässig der da saß. Und das fast schon Selbstgefällige, mit dem der die Themen vorgetragen hat. So als wollte er sagen: Wir haben so tolle Beiträge, wenn ihr euch nicht dafür interessiert, liebe Zuschauer, seid ihr selber schuld.«

Vielleicht liegt in dieser Beobachtung tatsächlich der ganze Unterschied: Damals durften sich die Journalisten der Aufmerksamkeit ihrer Zuschauer sicher sein. Heute, sagt Miosga, laute die Frage: »Was erwarten die Leute von uns – und was geben wir ihnen?« Die Zeiten, in denen sich Journalisten Selbstgefälligkeit leisten konnten, sind längst vorbei.