Vielleicht stimmt es ja. Vielleicht braucht die Welt eine Biografie über Thomas Mapother so dringend wie das Kleinkind die Windpocken. Was wir über diesen Mann wissen müssen, das wissen wir, und nichts ist von ihm überliefert, was der sittlichen Erbauung unserer Jugend förderlich wäre. Thomas Mapother war ein mittelmäßiger Schüler, ein durchschnittlicher Angeber und ein überdurchschnittlicher Frauenheld. Doch in dem Flegel steckte ein hochbegabter Schauspieler. Entdeckt wurde das Naturtalent bei einer Schultheateraufführung in einem vornehmen Kaff in New Jersey. Über Nacht stieg Thomas Mapother zur Top Gun unter den Hollywood-Schauspielern auf und wurde mit mehr Ruhm überschüttet, als ein Menschenherz verkraften kann. Seither kennt die Welt Thomas Mapother als Tom Cruise.

Seit 1990 war bekannt, dass der All-American-Superstar der neuheidnischen Sekte Scientology angehört. Nicht bekannt war, was der englische Journalist Andrew Morton nun in seiner Biografie behauptet: Tom Cruise sei nicht irgendeine Sternschnuppe in der Umlaufbahn von Scientology, sondern die informelle Nummer zwei, direkt nach dem Führer David Miscavige (Tom Cruise. Der Star und die Scientology-Verschwörung; Droemer Verlag, 432 Seiten, 19,95 Euro). Mit Haut und Haaren habe sich Tom Cruise seiner »Kirche« verschrieben, ihrer unsichtbaren Regie. Was immer der Seelenfänger in Szene setze, diene dem Götzendienst an seiner Organisation. Kurzum, in den Augen seines Biografen ist Tom Cruise ein Trojanisches Pferd. Er ist Werbeträger und Missionar, Prophet und oberster Handelsvertreter eines Unternehmens, das auf dem Weltmarkt der Religionen im Trüben fischt.

Was das für Morton heißt? Tom Cruise umgarnt den Fußballer David Beckham und seine Frau Victoria nicht deshalb, weil er sich für Rasensport und Magermode begeistert. Er tut es, um den dümpelnden englischen Religionsmarkt aufzurollen. Tom Cruise, so schreibt Morton, spiele die Rolle des Widerstandskämpfers Stauffenberg in dem Film Walküre nicht in erster Linie deshalb, weil ihm der Hitler-Attentäter keine Ruhe lässt, sondern weil er dem Kreuzzug von Scientology Flankenschutz geben will. Denn Deutschland sei Missionsland, und auf diesem 80-Millionen-Seelen-Markt möchte die Sekte endlich Fuß fassen. Dafür sollte Tom Cruise die Türen ins publizistische Milieu öffnen und mit seinem gnadenlosen Charme »gutgläubigen Intellektuellen« den Hof machen. In der Tat, das ist ihm gelungen. Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren BILD

Morton sticht ins Wespennest, aber man wird nicht sagen können, dass die Beweise, die er öffentlich macht, erdrückend sind. Er beruft sich vor allem auf anonyme Aussteiger, die die Hölle von Scientology überstanden haben und ihrem Herzen Luft machen. Wie nicht anders zu erwarten war, bestreitet die vom Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard (1911 bis 1986) gegründete Sekte in einer 15-seitigen Gegendarstellung gegenüber dem amerikanischen Fernsehen sämtliche Vorwürfe und nennt das Buch ein diffamierendes »Bündel Lügen«.

Die Einwände gegen Morton liegen auf der Hand. Ahnte man nicht längst, dass Tom Cruise nicht mehr alle Tassen im Schrank hat? Dass der Wanderprediger eine Menge Abrakadabra von sich gibt, sobald man ihm das Drehbuch vor der Nase wegnimmt und er frei reden muss? Und war »Tom Terrific« (Time Magazine) nicht in Oprah Winfreys Talkshow wie ein Irrer auf dem Sofa herumgehüpft? Nicht wirklich beruhigend ist auch das Gaga-gaga-Video auf YouTube. Es zeigt den enthemmt faselnden Priesterpropheten Tom Cruise, der im Strudel seiner Sprechblasen mit Lichtgeschwindigkeit der intergalaktischen Heimat seines Gottvaters Ron Hubbard entgegenrudert.

Und wer – bitte schön – ist Andrew Morton, der Biograf? Ist er nicht bloß ein fleißiger Schnüffler und die Bettwäsche sein Jagdrevier? Tatsächlich besteht Mortons Opus magnum nur in einer Enthüllungsgeschichte über Prinzessin Diana. Die gedemütigte Lady hatte den Journalisten 1992 ins Vertrauen gezogen und ihm mehr über die Niedrigkeiten des Hochadels ausgeplaudert, als ein britischer Bürger zu träumen wagte. Dennoch ist Hochmut gegenüber Morton fehl am Platz. Es geht ihm nämlich nicht nur um den Fall des Tom Cruise, der sich im Freiluftgefängnis von Scientology verirrt hat. Es geht ihm um ein Designprodukt der US-Bewusstseinsindustrie, bei dem Celebrity-Kult und Pseudoreligion zu einem Erlösungsangebot für die deregulierten Gesellschaften des Westens verrührt werden. Und, wie zu ergänzen wäre, zu einer neuen ideologischen Machtform, einer Pop-Politik, der gegenüber Avantgardisten wie Haider, Berlusconi und Sarkozy wie Waisenknaben wirken.

Um zu verstehen, warum diese Saat bei Tom Cruise auf fruchtbaren Boden fiel, muss man sich für einen Augenblick Mortons Schilderungen überlassen und das Leben des kleinen Thomas Mapother noch einmal kurz erzählen. Es ist die Geschichte eines Jungen, der zwischen einer gütigen Mutter und einem handgreiflichen Trunkenbold aufwuchs und seinen Wohnsitz häufiger wechselte als andere ihr Sweatshirt. Den Mitschülern erscheint der kleinwüchsige, von einer Leseschwäche geplagte Tom mal als innig liebender Herzensbrecher, mal als eiskalter Engel, der alte Freunde so achtlos entsorgt wie andere den Müllbeutel. Eines Tages verfrachtet die Mutter ihre Kinder ins Auto und lässt den Familienvorstand inmitten seiner leeren Flaschen zurück. Nach der Trennung begegnet der Sohn seinem Vater zufällig auf der Straße, später noch einmal am Sterbebett, wo die beiden einander versprechen, sich einen alten Traum zu erfüllen: gemeinsam ein Steak zu essen.