Manche Menschen sagen, Martin Parr sei an allem schuld. Vor dreieinhalb Jahren veröffentlichte der prominente britische Fotograf gemeinsam mit dem Fotohistoriker und Kritiker Gerry Badger The Photo Book, Vol. I. Geplant war der Band ursprünglich als eine Art Katalog jener Fotobücher, die Parr selbst im Laufe der vergangenen Jahrzehnte gesammelt hatte. Parr nahm nur solche Bücher in sein schwergewichtiges Referenzwerk auf, in denen er eine originelle Bildidee erkannte, formal oder inhaltlich. Einfallslos zusammengestellte Coffeetable-Books fielen damit von Beginn an durchs Raster.

Vor anderthalb Jahren erschien der zweite Band, und seither gibt es kein Halten mehr. Die beiden dicken Bände dienen, trotz dürftiger Texte, einschlägigen Sammlern als praktisches Vademecum: Was drin steht, muss gut sein und sammelwürdig. So verzeichnet das "Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher" im Internet heute deutlich erhöhte Zugriffsraten bei den von Parr erwähnten Fotobüchern. Der Fotografiekritiker Freddy Langer berichtet gar, dass Bibliomanen in einschlägigen Fotoantiquariaten die beiden Parr-Bände mit der Bitte auf die Theke knallten, man möge ihnen gleich alle darin vorgestelltenFotobücher besorgen. Die subjektive Auswahl des britischen Fotografen ist ungewollt zum Kanon geworden und zum Bestellkatalog.

Auch Museen zeigen Fotobücher mittlerweile als eigene Kunstform. Ute Eskildsen, im Essener Museum Folkwang die Direktorin der in Deutschland wohl bedeutendsten öffentlichen fotografischen Sammlung, präsentierte schon vor Jahren das Farewell to Bosnia-Projekt des Bildreporters Gilles Peress: In den Ausstellungsräumen war ein umlaufendes schmales Brett an den Wänden befestigt, auf dem Dutzende Exemplare des neuen Buches standen, aufgeschlagen jeweils auf der nächstfolgenden Seite. Originale Abzüge wurden gar nicht erst gezeigt.

Inzwischen haben auch die Auktionshäuser auf die veränderte Wahrnehmung reagiert. Christies in London, Swann in New York, aber auch Bassenge in Berlin veranstalten jeweils parallel zu ihren Fotoauktionen eigene Sales mit Photographic Literature. Klassiker wie der Guide des Fotografen William Eggleston, die nur in kleiner Auflage erschienenen Bildhefte von Ed Ruscha oder Hans-Peter Feldmann, vor allem aber die Erstauflagen epochaler Bände wie Les Américains von Robert Frank oder Anonyme Skulpturen von Bernd und Hilla Becher erzielen dabei Preise bis zu 20000 Dollar und damit mehr als manche Originalabzüge dieser Fotografen. Im Zeitalter der scheinbar unendlich möglichen Reproduktion von Kunstwerken wird so das künstlerische Konzept, zum Beispiel die Auswahl und Präsentation von Fotografien, wieder zum eigentlichen Original und entsprechend hoch bewertet. Und auf wen verweisen die Auktionshäuser dabei in ihren Katalogen? Auf Martin Parrs Photobooks.