Das Kosovo droht zu explodieren, die amerikanische Wirtschaft kriselt also höchste Zeit, sich einen Hut zu kaufen. Einige Skeptiker in meinem Freundeskreis behaupten, ein dunkler Filzhut sei Ausdruck von Affektiertheit und völlig unangebracht als Reaktion auf die geopolitische Lage. Mein Stilguru Allan ist gar der Meinung, einen Hut zu tragen sei ungefähr so, als ließe man sich einen Schnurrbart wie Bismarck wachsen, um einen Makel auf der Lippe zu verdecken. Mein wunder Punkt ist ein rosafarbener Hautstreifen, nicht größer als der Handballen eines Babys. Es ist unwahrscheinlich, dass ihn jemand entdeckt, wie er da so verschämt zwischen einzelnen Haarsträhnen hervorschimmert. Ich habe nämlich nur Freunde, die bedeutend kleiner sind als ich. Ein Trick, den ich von Mussolini abgeschaut habe.

Auf jeden Fall fühlte ich mich missverstanden. Schließlich kauft man einen Hut nicht aus Eitelkeit, sondern damit einem der Himmel nicht auf den Kopf fällt. Es war nicht leicht, in Berlin einen Hut zu finden. Die Hutmachertradition der Stadt war jüdischen Ursprungs, und viele Hutmacher kamen in Auschwitz um oder gingen ins Londoner Exil.

Alice Neimann war eine dieser Emigranten. Sie erinnert sich an die Pariser Modenschauen der dreißiger Jahre: "Unmittelbar nach der Schau rannte ich ins nächste Café und begann mit den Skizzen." Zurück in Berlin, wurden sie ausgewertet und Berliner Mode daraus gemacht. Dank Kreationen von Hutmacherinnen wie Fiona Bennett entwickelte sich ein Berliner Stil. Aber da sich das Gesellschaftsleben heute auf Hochzeiten und Beerdigungen konzentriert, tragen viele Frauen ihre Hüte nur daheim vor dem Spiegel. Auch Männer, mit Ausnahme von Polizisten, meiden meist Hüte, denn aufgrund eines fehlerhaften preußischen Gens sind sie mit einer blumenkohlartigen Kopfform gestraft. Nur Ben Becker beherrscht die Kunst des Kopfbedeckens. Um einen Hut zu tragen, braucht man schauspielerische Selbstsicherheit - Berliner Männer aber schrecken in der Regel vor Selbstdarstellung zurück, auch wenn sie kein Problem damit haben, nackt im Fitnessstudio herumzulaufen.

Also ging ich zu John Lock in London. Schon mein Vater kaufte dort seine Hüte. Ich habe noch einen, an dessen Schweißband sein Geruch hängt. Das Geschäft liegt in St. James. Der Teppichboden im Inneren verschluckt fast jedes Geräusch. Auch Admiral Nelson kaufte hier Hüte und, wenn man aus den zahlreichen Tweedmützen Rückschlüsse ziehen darf, wohl auch der jagdwütige Teil der gesellschaftlich überflüssigen Aristokratie. Ich wollte einen Filzhut, aber keinen, mit dem ich aussah wie die schmuckbehangenen Zuhälter aus den MTV-Musikvideos. Der Verkäufer, der vorgab, meinen Vater gekannt zu haben, zeigte mir, wie ich meinen Kopf neigen muss, sodass meine Augen verdeckt sind: Dieser Trick für das richtige Huttragen gilt für Männer und Frauen. " Die Geschäfte laufen derzeit besser", sagte der Verkäufer: "wegen der Immobilienkrise."

Englische Männer versuchen ihre Ängste zu vertreiben, indem sie Hüte tragen. Hüte hatten Konjunktur während der Wirtschaftskrise in den 1920ern und zu Kriegszeiten. Schwarzmarktgrößen (Harry Lime!) trugen Hüte, wie auch skrupellose Reporter. Nur ein einziges Denkmal in Berlin zeigt einen Politiker mit Hut: Konrad Adenauer hält einen in der Hand. Er scheint sich eilig von den Sexshops am Adenauerplatz zu entfernen. Irgendwie lässt sich erahnen, dass er den Hut nicht nur als Kanzler, sondern auch während der Kriegsjahre getragen hat.

Wenn mich mein englisches Selbstverständnis diskret auffordert, mir nach zehn Jahren einen neuen Hut zu kaufen, dann stimmt etwas nicht mit der Welt. Offenbar braut sich da etwas zusammen. Und damit meine ich nicht die kleine rosa Stelle an meinem Hinterkopf. Irgendetwas sagt mir, dass 2008 tatsächlich noch ein schwieriges Jahr werden wird.

Also behalte ich lieber meinen Hut auf.