Moin, Chef!", sagen die Schüler, wenn Lars Carstens, ihr Rektor, um die Ecke kommt. Er trägt weiße Turnschuhe, eine ausgewaschene Cordhose und einen silbernen Stecker im Ohr. Hier in Plön, einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein, unterrichtet er Deutsch und Geschichte an der Heinrich-Harms-Hauptschule. An diesem Donnerstagmorgen läuft er durch seine Schule, die es bald nicht mehr geben soll, vorbei an Schülern, die dann einen anderen "Chef" grüßen werden. Denn Carstens wird nicht mehr Schulleiter sein. Er findet das gut. "Ein Preis, den ich gern zahle", sagt er.

Vor einem Jahr hat der Landtag in Kiel beschlossen, bis 2010 alle Haupt- und Realschulen umzuwandeln in "Gemeinschafts- oder Regionalschulen". Die Hauptschulen in Deutschland abzuschaffen wird seit Jahren immer wieder von Bildungspolitikern, Eltern und Lehrern gefordert. Sachsen machte 2006 den Anfang, In diesem Schuljahr kam Schleswig-Holstein dazu. Für Plön heißt das neue Gesetz: Die Heinrich-Harms-Schule, Carstens’ Schule, wird 2009 mit der örtlichen Realschule fusioniert. So entstehen die "Regionalschule Plön" und eine Stadt ohne Hauptschüler. "Ein bisschen euphorisch sind wir schon", gibt Carstens zu. 1994 hat er sein Staatsexamen gemacht – mit einer Abschlussarbeit über die Bedeutung der Gesamtschulbewegung der siebziger Jahre. Heute, als 39-Jähriger, habe er die Chance, seinen "Traum von ein bisschen mehr Gleichheit im Bildungswesen" wahr zu machen.

Hundert Meter weiter lachen sie über solche Sprüche. Auf dem Pausenhof der Städtischen Realschule Plön, die in derselben Straße liegt wie die Harms-Schule, wollen die meisten mit "den Asozialen da drüben" nichts zu tun haben. Vor der Hauptschule stehe oft die Polizei; es gehe um Erpressung, Körperverletzung oder Sachbeschädigung; eine "stadtbekannte Albaner-Clique" pflege ihre Kontakte an der "Harms", behaupten die Realschüler. Sie wollen nicht fusioniert werden. Im letzten Jahr sei es sogar zu einer Schlägerei zwischen Real- und Hauptschülern gekommen. "Die haben doch ein ganz anderes Intelligenzniveau", heißt es außerdem. Eine Deutschlehrerin sagt, sie würde mit ihren Zehntklässlern gern Nathan der Weise lesen. "Wie soll das mit Hauptschülern gehen?", fragt sie. "Mit einem Bilderbuch!", ruft einer ihrer Schüler.

Nicht nur die Jugendlichen oder einzelne Lehrer an den Realschulen wehren sich gegen die Pläne in Schleswig-Holstein. Der Verband der Realschullehrer im Land startete im Dezember eine Volksinitiative gegen die Fusionen. 20000 Unterschriften wollen die Pädagogen bis zum April sammeln. Damit werde man "den Landtag zwingen, das Thema Regionalschule wieder auf die Tagesordnung zu setzen", sagt Claus Mangels, Sprecher der rund 1500 Lehrer im Verband. Der Unmut richtet sich vor allem dagegen, dass Haupt- und Realschüler in der fünften und sechsten Klasse gemeinsam unterrichtet werden sollen. "Die Leistungsunterschiede sind viel zu groß", sagt Mangels. "So eine Schere kriegen Sie nicht mehr zusammen." Hauptschüler könnten, so seine Befürchtung, permanent über- und Realschüler ständig unterfordert sein. In der siebten Klasse, wenn für beide Zweige getrennte Kurse eingerichtet werden, sei dann der Schaden groß: Schüler aus solchen gemischten Klassen würden "ein Jahr hinterherhinken" mit ihrem Wissen. "Die Realschule ist ein Erfolgsmodell", glaubt Mangels. Durch die Regionalschulen entstehe nun ein "Vakuum" in der Mitte des Leistungsspektrums. Sicher, die Hauptschule brauche Reformen; mehr Praktika, mehr Betreuung am Nachmittag. "Aber in der Breite funktionieren die Hauptschulen doch ganz gut", sagt Mangels. "Rütli ist nicht überall."

Egbert Lamb, Leiter der Städtischen Realschule im Ort, sieht alles etwas drastischer als seine Verbandskollegen: Die Hauptschule in Deutschland dürfe keineswegs so bleiben, wie sie ist, sagt er. Aber Regionalschulen? Lamb, 59, soll später die Plöner Regionalschule leiten, da er derzeit in höherer Position arbeitet als Lars Carstens, der Hauptschuldirektor. Es gebe jetzt eine "enorme Verunsicherung" unter den Eltern, sagt Lamb. Er erwarte, dass sie ihre Kinder künftig nur noch an den Gymnasien anmelden. "Man hat die Hauptschulen ausbluten lassen. Jetzt folgen die Realschulen", sagt Lamb. Er ist Mathematik- und Physiklehrer, Anzug- und Krawattenträger, seit einem Vierteljahrhundert im deutschen Schulwesen – und "Realist", wie er sagt. "Meine Befürchtung ist: Die Regionalschule wird die neue Restschule." Trotzdem: Er wolle das jetzt "aufs Gleis setzen, informieren, Vorurteile abbauen". Er bereitet eine Hochzeit vor, die er vielleicht lieber verhindert hätte.

Auch Lars Carstens kennt die Urteile der Realschüler, ihrer Lehrer und Eltern sowie die Haltung vieler Ausbildungsbetriebe. "Hauptschüler bekommen Steine in den Weg gelegt, für die sie nichts können", sagt er dazu. Das schlechte Image, die Meldungen über Gewalt und Probleme mit Migrantenkindern – all das mache es seinen Schülern so viel schwerer, in der Gesellschaft anzukommen, eine Lehrstelle zu finden oder überhaupt zu Vorstellungsgesprächen eingeladen zu werden. Seit Jahren gehen die Neuanmeldungen an der Harms-Schule zurück. Nur noch zwei fünfte Klassen mit jeweils fünfzehn Schülern gibt es in diesem Winter. "Eltern wollen ihren Kindern das Stigma Hauptschule ersparen", vermutet Carstens, der von 2009 an nur noch stellvertretender Direktor sein wird.

An diesem Donnerstag hält er eine "Diskussionsstunde" in einer neunten Klasse ab, in der es um Bildungspolitik und die Fusion geht. "Hauptschüler beißen nicht", sagt Carstens. Nur wüssten das leider nicht alle in Plön. Zwei Schüler haben ihre Kapuzen über den Kopf gezogen und die Augen geschlossen. Andere wollen mitreden. Keiner aus der Klasse habe bisher einen Ausbildungsplatz in Aussicht, erzählen sie. "Andere lästern ab über uns", beschwert sich eine Schülerin. Sie seien "für alle nur die Blödmänner". Aber Carstens Schüler haben auch Angst, auf der Regionalschule nicht mehr mitzukommen. "Vielleicht fehlt dann die Förderung", sagt ein 15-Jähriger. Zudem glaube er nicht, dass die Schüler "persönlich miteinander klarkommen werden".