Manchmal, meinte selbst Sigmund Freud, der es wirklich wissen musste, sei auch eine Zigarre nur eine Zigarre. Diese Zigarre aber hat mehr zu bedeuten. Zunächst wird sie vom schottischen Seefahrer Donald (so heißt der spätere Daland in der Dresdner Urfassung des Fliegenden Holländers) genussvoll geschlotet. Während das Vorspiel im Graben der Stuttgarter Staatsoper wie Gischt peitscht, beginnt er den Stumpen hinter Milchglasscheiben auf dem Körper seiner Tochter Senta auszudrücken, immer wieder: Er brennt die Handinnenflächen und verletzt die Schultern, nachdem er unverkennbar nach Sex verlangt und auch schon einmal richtig zugeschlagen hat. Dann geht Donald, gefolgt von vielen ebenfalls bedrohlichen Männerkörpern, und Senta schreibt mehrere Male mit blutigen Fingerkuppen »Rette mich!« auf das Glas. Der Komponist Richard Wagner meinte, im Fliegenden Holländer, der dezidiert romantischen Oper von 1843, das »Weib der Zukunft« erschaffen zu haben. Der Regisseur Calixto Bieito hingegen wirft zunächst einmal einen Blick auf die düstere Vergangenheit eines malträtierten Mädchens. Mit letzter Kraft krakelt sich Senta aus einem familiären und gesellschaftlichen Albtraum heraus. Um prompt in einen ganz anderen hineinzugeraten.

Bezeichnenderweise wird es nie richtig hell auf der Stuttgarter Bühne. Die Bucht in Schottland (wo die Urfassung der Oper spielt), aber auch Donalds Haus liegen stets im Halbnebel. Hier kann nur ersticken, wer noch, wie Senta, ein Innenleben hat. Derweil haben sich die anderen Frauen, die hier auf ihre beutemachenden Männer warten, besinnungslos im Allerweltsluxus eingerichtet. Sie tragen alle blonde Perücken, verrichten im eigentlichen Sinn keine Arbeit und sitzen längst nicht mehr, wie in Wagners Libretto, am Spinnrad (»Brumm! Summ! Gutes Rädchen!«) – sie plündern höchstens die Konten. Die Kühlschränke, vor denen sie singen, sind jeweils gut gefüllt (der Jäger und Verlierer Erik, hier Georg geheißen, sorgt fürs Home-Catering). Kommen die Kerle heim, erwartet sie zunächst ein ordentliches, natürlich blutiges – es ist Bieito! – Stück Fleisch. Die Kinder sind im Gemüsefach entsorgt, Dessous stecken in der roten Einkaufstüte. Dann verpassen sich die tendenziell wohl eher unzüchtigen Hausfrauen mit der Nagelfeile den letzten Schliff. Erlaubt ist nur, wer gefällt.

Senta wird an den Kühlschrank gefesselt

Eine wie Senta (mit perlmuttschimmerndem, mächtigem Sopran: Barbara Schneider-Hofstetter) stört da ganz eindeutig. Notgedrungen muss man sie mit zwei Schlingen an die Kühlgeräte binden, wenn sie wieder einmal in Hitze gerät, Visionen bekommt und die Ballade von einem Mann anstimmt, der irgendwann mit einem Schiff kommen wird. Es ist die sonst immer so harmlos wirkende Amme Mary, die nicht nur in diesem Moment ihre Vorliebe für praktizierten Sadismus auslebt. Bieito hat den genauen Blick fürs Böse, er mag sich noch so unscheinbar geben. Und das Allerböseste – da kommt der Katalane nach vielen durch- und zuschlagenden Experimenten in den Verismo-Opern wirklich bei seinem Thema und vor allem bei seinem Komponisten an – ist das Geld.

Danach allein gieren die Glücksritter, die im Stuttgarter Einheitsraum auf Matsch und Sand gespült werden: Köfferchenträger und Anzughengste in einer Gummiwanne, sichtlich geschlaucht von den blakenden Motivationssprüchen auf der Rückwand dieses Käfigs (»It is not enough to be the best«). Diesmal jedoch war der Fischzug nicht erfolgreich, die Mannschaft sitzt buchstäblich aufgelöst im Dreck. Noch nicht einmal die vom Steuermann (ein peitschenknallender Zirkusdirektor: Heinz Göhrig) als Angebot zur Triebabfuhr offerierten Go-go-Girls mit Straußenfedern am Hintern helfen der Stimmung auf. Stattdessen keckert eine gnomische Gestalt (»Dämon«, von Bieito wirkungsvoll erfunden) teuflisch lachend vor sich hin.

Siebenhundert Jahre Systemzwang sind dem Holländer genug

Der Kapitalismus ist die Hölle, und wenn es mal gekracht hat an der Börse, sitzen buchstäblich alle in einem Boot. Auch der Holländer, ein Schmerzensmann mit steinernem Gesicht und durchaus passendem, leicht resigniertem, monochromem Bariton: Yalun Zhang. Diesen Mann, dem alles von Mythologieschwaden Umwehte abgeht, treibt anfangs nur die Sehnsucht nach dem Ende um: sieben oder siebzig oder siebenhundert Jahre Systemzwang sind ihm genug. Sein Geld, das Donald so geil strahlend wie unwirsch erhaben verteilt, interessiert ihn nicht. Sobald er nämlich auf die von ihrem Vater wüst als Venusfalle dekorierte Senta trifft, scheint ein Fünkchen Hoffnung in ihm auf, das Bieito dann eine Zeit lang regielich genial hütet: Erst flackert es, dann brennt das Feuer – und erlischt, dem Libretto gemäß, als kleinbürgerliches Eifersuchtsflämmchen. Senta offenbart ihre Wundmale, der Holländer macht sich buchstäblich frei. Mit dem Messer ritzt er immer wieder seinen Oberkörper. So werden sie Bruder und Schwester im Geiste und körperlich (fast) eins. Es ist Herzblut, das sie verbindet. Augenblicklich verabschiedet sich auch der Dirigent Enrique Mazzola von seiner ansonsten für die Urfassung durchaus angebrachten grobkörnigen Betrachtungsweise der Partitur, und die Musik des Stuttgarter Staatsorchesters (das es fast immer schöner könnte) wird derart weich und durchhörbar, als stünden hier schon Wagners noch viel verzweifeltere Liebende: Tristan und Isolde, für die Geld ja nun gar nichts zählt. Es ist ein großer Moment.