Gefolgt von einem noch größeren. Denn Bieito versteht sich nicht nur auf den subkutanen Terror in diesem Werk, sondern auch auf den akuten Horror, der in vielen Aufführungen nicht über eine schlechte Geisterbahnfahrt hinausgelangt. Wenn die Toten auf dem Holländerschiff erwachen und der fantastische Stuttgarter Geisterchor (einstudiert von Michael Alber) erklingt, verwandelt sich die ohnehin latent gespenstische Szene in einen reinen Stadl des Grauens zwischen Breughel und Bosch: Stroboskopblitze zucken, nackte Leiber winden sich, Kinder werden gemeuchelt, und selbst die Saaltüren springen auf. Es hält Bieitos’ immer aufs Existenzielle zielendes und stets aufs Äußerste die Nerven strapazierende Theater nicht länger auf der Bühne. Hier wird nicht gerührt, hier wird geschüttelt: mittels reiner, hintergründiger Apokalypse.

Und die hört kaum auf. Noch zu den letzten, jähen Wendungen der Schlusstakte schwingt der unerhörte Liebhaber Georg die Axt gegen alles und jeden, während der Holländer einerseits wie der Gekreuzigte die Wand hochfährt, andererseits sterbend am Bühnenrand kauert. Und Senta? Steht eher gefasst inmitten dieses Chaos. Lebt sie? Ist sie entrückt? Man weiß es nicht. Noch jedenfalls fehlen ihr die Worte der Isolde, die sich selbstverständlich über den Tod erhebt. Der Stuttgarter Holländer wird wohl auch die Probe aufs Exempel Tristan sein, den Bieito gewiss auch bald auf die Bühne bringen wird. Bestanden ist gar kein adäquater Ausdruck für diese Inszenierungsprobe: Zu sehen ist ein finsterer Triumph!

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