Anja Vorspel hat sich von der Idee verabschiedet, mit 65 einen Batzen Geld auf der Seite zu haben: »Ich werde länger arbeiten müssen.« Fast ihr ganzes Leben lang war sie selbstständig, in den verschiedensten Branchen. Zuletzt führte sie eine kleine Buchhandlung. Die ging vor drei Jahren wegen der Konkurrenz aus dem Internet pleite. Damals flog die alleinerziehende Mutter aus der gesetzlichen Krankenkasse, weil sie ihre Beiträge nicht mehr zahlen konnte. Heute lebt sie von Hartz IV. Das hat sie gezwungen, ihre private Rentenversicherung zu kündigen. Sie ist 47, nicht sozialversichert, bereitet gerade einen weiteren Neustart in die Selbstständigkeit vor und sagt: »Altersvorsorge gibt es bei mir nicht.«

Anja Vorspel ist der Traum eines jeden Politikers, der von den Bundesbürgern mehr Eigenverantwortung fordert. Und sie ist eine von immer mehr Einzelkämpfern auf dem Arbeitsmarkt, die gar nicht oder nur unzureichend für Alter oder Krankheit vorsorgen. Aus Angst vor der Arbeitslosigkeit entscheiden sich immer mehr Menschen für die Selbstständigkeit. Das ist politisch gewollt, Initiativen wie die Ich-AG und der Gründungszuschuss fördern das. Aber auch aus immer mehr Angestellten werden Freelancer, weil die Arbeitgeber so die hohen Lohnnebenkosten sparen. »Viele, die vom Prinzip her angestellt sein sollten, werden in die Selbstständigkeit gedrängt«, sagt Christel Riedel, Vorsitzende der Kommission beim Deutschen Juristinnenbund, die sich mit sozialer Sicherung beschäftigt. Unterm Strich ist die Gruppe der Selbstständigen zwischen 1991 und 2005 um über 34 Prozent gewachsen. Auch ihre Zusammensetzung hat sich verändert: Aus 1,38 Millionen »Selbstständigen ohne Beschäftigte« wurden 2,29 Millionen. Der Anteil dieser »Solo-Selbstständigen« an der Gesamtheit der Selbstständigen stieg von 46 auf 56 Prozent.

Für die gering verdienenden Unternehmer gibt es kein soziales Netz, das sie auffängt. Und es sieht nicht so aus, als ob die Politik an diesem Missstand etwas ändern wird. »Altersarmut war früher ein Frauenproblem, nun wird es zum Selbstständigenproblem«, sagt Riedel.

Immer wieder weisen Fachleute darauf hin, welche Probleme auf die gering verdienenden Selbstständigen und somit auf die gesamte Gesellschaft zukommen. Doch die Gruppe der Selbstständigen ist viel zu heterogen, um eine pauschale Lösung für alle zu finden. »Zwar liegt das Einkommen der Selbstständigen im Durchschnitt in etwa auf dem Niveau der abhängig Beschäftigten«, sagt Uwe Fachinger. Der Professor lehrt Ökonomie und demographischen Wandel am Institut für Gerontologie der Hochschule Vechta. »Während jedoch die Höhe der Angestelltengehälter kaum variiert, teilen sich die Selbstständigen in zwei weit voneinander entfernte Einkommensklassen auf: die mit sehr hohen und die mit sehr niedrigen Einkünften.« Eines aber haben sie in der Regel gemeinsam: Für Alter, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Pflegebedürftigkeit müssen sie sich selbst absichern, unabhängig von ihren Einnahmen. Und gerade die Vorsorge für den Ruhestand bleibt bei den Geringverdienern dabei auf der Strecke.

Wer in der Grundsicherung landet, muss seine Ersparnisse aufbrauchen

Wie so vieles im deutschen Sozialstaat haben die Bundesbürger die Sozialversicherung dem früheren Reichskanzler Otto von Bismarck zu verdanken. »Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht oder für ihr Wohl sorgen möchte«, formulierte er im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Doch dachte Bismarck ehedem nicht an die gut verdienenden Unternehmer; die konnten damals wie jetzt für sich selbst sorgen. Ein erfolgreicher Firmenchef ist auch heute noch dankbar dafür, dass er nicht in die Kassen der Solidargemeinschaft einzahlen muss. Für einen Kleinstunternehmer hingegen ist es fast unmöglich, neben seinen laufenden Ausgaben noch die Sozialversicherung zu stemmen. Der erste Ich-AGler war zu Zeiten des Eisernen Kanzlers eben noch nicht geboren.