Wenn ich mit Freunden das dumme Spiel spielen muss: "Welche CD würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?", antworte ich automatisch: Arnold Schönbergs Gurrelieder in der Aufnahme mit Simon Rattle, denn sie sind eines der merkwürdigsten Stücke der Musikgeschichte. Schönbergs Vorliebe für Kammermusik ist bekannt. Mit einer Spitze gegen die amerikanische Oberflächlichkeit sagte er, in der Musik lasse sich alles mit höchstens fünf oder sechs Instrumenten sagen Orchester würden nur benötigt, damit es auch die Amerikaner verstünden Wie also lässt sich erklären, dass man für die Gurrelieder Solisten, ein ganzes Orchester und drei Chöre braucht? Simon Rattle hat die wunderbare Formel parat: Die Gurrelieder seien Kammermusik für Orchester und Chor und genau so solle man sich dem Stück nähern.

Schönberg hat das Werk 1901 als Spätromantiker begonnen und 1910 nach seinem Bruch mit der Tonalität beendet. Dieser Missklang zwischen spätromantischer Melodielinie und atonaler Orchestrierung wirkt unheimlich auf den Hörer. Die Gurrelieder beginnen mit einem unsagbar schönen Wortwechsel zwischen König Waldemar und seiner heimlichen Liebe Tove. Als das Lied der Taube dem König von Toves Tod erzählt, übertrifft die musikalische Intensität Schönbergs noch die Wagners.

Vollkommen am Boden zerstört, begehrt Waldemar gegen Gott auf. Zur Strafe für diese Blasphemie muss er rastlos als Geist wiederkehren.

Von hier an geht der Gesang allmählich in Sprechgesang über, der die Erneuerung des Lebens verkündet, die Verwandlung des nächtlichen Umhergeisterns der "untoten" Ritter in die Feier des neuen Taglebens.

Doch man fragt sich: Was ist das für eine Seligkeit? Ähnelt sie nicht fatal jener typischen Cartoon-Seligkeit, bei der die Katze einen Hammerschlag auf den Kopf bekommt und mit seligem Lächeln Vögel um ihren Kopf zwitschern sieht?

An dem über die Maßen pathetischen Vortrag des Sprechgesangs, mit dem die Gurrelieder enden, ist zweifellos etwas Grauenerregend-Obszönes: eine gänzlich denaturierte Natur, eine Art pervertierte, aufgesetzte Unschuld. Man fühlt sich an einen alten Wüstling erinnert, der, um seinem Spiel mehr Reiz zu geben, ein unschuldiges junges Mädchen nachahmt.

Aus dem Englischen von Bettina Engels