»Die große Ironie des Erfolgs« – Seite 1

DIE ZEIT: Können Notenbanker und Haushaltspolitiker Amerika noch vor einer Rezession retten?

Alan Greenspan: Wahrscheinlich nicht. Weltwirtschaftliche Einflüsse sind heute stärker als fast alles, was die Geld- oder die Fiskalpolitik ihnen entgegensetzen kann. Die langfristigen realen Zinsen haben wesentlich mehr Einfluss auf den Kern der Wirtschaft als die Entscheidungen in Nationalstaaten. Und Zentralbanken haben mehr und mehr die Möglichkeit verloren, diese langfristigen Zinsen zu beeinflussen, während sie vor 20 bis 30 Jahren auch dort noch dominierten. Also ist die wichtigere Frage heute, in welche Richtung sich die langfristigen realen Zinsen entwickeln.

ZEIT: Die amerikanische Notenbank hat es also heute schwerer als früher, auf Turbulenzen zu reagieren.

Greenspan: Auf jeden Fall. Die Ressourcen der Zentralbanken sind im Vergleich zur Größe der globalen Finanzströme deutlich geschrumpft. Heute kursieren an den Weltfinanzmärkten über 100 Billionen handelbare langfristige Wertpapiere. Da haben selbst große Marktbewegungen, wie Zentralbanken sie auslösen können, nur geringen Einfluss. Bis in die siebziger Jahre hinein konnten Zentralbanken und Finanzministerien die Wechselkurse einigermaßen stabil halten. Seither sind ihre Möglichkeiten, am Devisenmarkt zu intervenieren und die Kurse zu stabilisieren, dramatisch geschrumpft. Gleiches gilt für andere Teile des Finanzmarktes. Globale Marktkräfte, die ein weltweites Gleichgewicht anstreben, sind der bei Weitem dominanteste Einfluss am Finanzmarkt und in der Wirtschaft geworden. Regierungen steuern den Lauf der Welt immer weniger.

ZEIT: Steht die amerikanische Volkswirtschaft am Rand einer Rezession? Oder hat die Rezession gar schon begonnen?

Greenspan: Das ist sehr schwer einzuschätzen. Ich glaube, dass die Wahrscheinlichkeit einer Rezession mindestens 50 Prozent beträgt, doch bisher gibt es wenig Hinweise dafür, dass wir schon in einer stecken. Eine Eigenschaft von Rezessionen sind Brüche mit dem Vorhergehenden, oft in Form scharfer Veränderungen am Arbeitsmarkt und in der Produktion. In den vergangenen drei Wochen gab es ein paar solche Ereignisse, aber nicht genug, um zu sagen: Die Situation hat sich wirklich verändert. Meiner Meinung nach wird dies wahrscheinlich noch geschehen, aber von den Fakten her ist es noch nicht so weit.

ZEIT: Wenn die USA in eine Rezession gleiten, wird dann die Wirtschaft im Rest der Welt noch weiter wachsen? Anders gefragt: Können sich andere wichtige Volkswirtschaften von der Entwicklung in Amerika abkoppeln?

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Greenspan: Auf lange Sicht wahrscheinlich ja. Aber nicht mittelfristig. In jüngster Zeit haben sich die Finanzmärkte sogar so verhalten, als gäbe es überhaupt keine solche Entkopplung. Die Wirkung des Abschwungs in Amerika sehen Sie in den Exportmärkten in Asien, Europa und anderswo. Das ist zwar ein interaktiver Prozess, nicht nur einseitig ausgelöst von den USA. Keine Frage ist aber, dass die Stärke der Nachfrage in den USA einen wesentlichen Effekt auf den Rest der Welt hat. Es ist unwahrscheinlich, dass eine US-Rezession eine globale Rezession hervorruft. Doch das globale Wirtschaftswachstum wird sich wahrscheinlich recht deutlich verlangsamen.

ZEIT: Als zur Jahrtausendwende die Dotcom-Blase an den Aktienmärkten platzte, senkten Sie als Chef der Federal Reserve die Zinsen dramatisch. Heute kritisiert man Sie deswegen. Die niedrigen Zinsen hätten die spätere Immobilienblase in den USA hervorgerufen. Ihre Antwort?

Greenspan: Spekulationsblasen an den Märkten für Wohnimmobilien gibt es derzeit in 20 bis 40 Ländern, von Großbritannien über ganz Asien bis nach Europa, mit der Ausnahme Deutschlands. Das lässt sich ausreichend dadurch erklären, dass die globalen langfristigen Zinsen gesunken sind. Es gibt keinen Mechanismus, der nahelegt: Die amerikanische Geldpolitik und die von ihr festgelegten Zinssätze für Geld, das einen Tag lang ausgeliehen wird, beeinflussen diese langfristigen Zinsen. Das einzige Argument mit einer gewissen Berechtigung lautet, dass die niedrigen kurzfristigen Zinsen in den USA im Jahr 2003 die Nachfrage nach Wohnungen und Häusern gesteigert hätten – soweit diese durch Hypothekenkredite mit flexiblen Zinssätzen finanziert wurden.

ZEIT: Die Zinssätze solcher Kredite schwanken mit dem jeweiligen Leitzinssatz.

Greenspan: Dennoch gibt es keinen Nachweis dafür, dass dies irgendeinen signifikanten Einfluss auf die Preise hatte. Der Preisanstieg bei den US-amerikanischen Immobilien blieb sogar ein wenig unter dem weltweiten Durchschnitt. Die Annahme, unsere Geldpolitik wäre entscheidend für die amerikanische Immobilienblase gewesen, ist also schwer zu belegen. Dafür hätten wenigstens die monetäre Basis und die Geldmenge ansteigen müssen. Das war aber nicht der Fall.

ZEIT: Ihre Politik war also richtig?

Greenspan: Ob sie richtig war, ist eine andere Frage. Die Geldpolitik sollte dem Deflationsdruck antworten, der damals zuerst in Japan deutlich wurde. Wir wollten ähnlichen Tendenzen begegnen. Unsere Vorhersage über die langfristige Wirtschaftsentwicklung lautete damals zwar, dass wir nicht mit einem derartigen Deflationsdruck zu rechnen hätten. Doch wenn es trotzdem Deflation gegeben hätte, wären die Konsequenzen so groß gewesen, dass wir eine Absicherung dagegen für notwendig hielten. Also waren die kurzfristigen Zinsen von Mitte 2003 an ein ganzes Jahr lang niedrig. Trotzdem wuchs die Geldmenge immer noch langsamer, als es die Volkswirtschaft insgesamt tat. Nein, die Auffassung, dass die Politik der Federal Reserve irgendwie die Preise von Wertpapieren oder Immobilien habe steigen lassen, finde ich schwer nachvollziehbar. Diese Steigerungen sind durch globale Marktkräfte vollständig zu erklären. Und Sie können sicherlich nicht die verschiedenen Arten von Blasen in Spanien und Großbritannien und in anderen Ländern durch die Geldpolitik ihrer jeweiligen Zentralbanken erklären.

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ZEIT: Haben Sie Sorge, dass andere Spekulationsblasen platzen könnten?

Greenspan: Blasen entstehen nur dann, wenn es niedrige Inflation und stabile und niedrige langfristige Zinssätze gibt. Mit anderen Worten: Zu den Kosten einer stabilen Volkswirtschaft gehört es, dass sie oft Blasen hervorruft. Solche negativen Folgen begleiten sie, wenn wir auf die Vorteile dieser stabilen Perioden mit ihren steigenden Wertpapierpreisen und ihrer Schaffung von Wohlstand nicht verzichten wollen. Und insgesamt waren die negativen Folgen immer weit geringer als die positiven. Und doch haben wir die Wahl. Eine Zentralbank kann stets Blasen vermeiden, indem sie Inflation erzeugt. Es gibt einfach keine Blasen in einem instabilen Umfeld mit Inflation. Die große Ironie lautet also, dass die Förderung von Blasen eine Folgeerscheinung erfolgreicher Finanz- und Geldpolitik ist. Das liegt in der menschlichen Natur: Euphorie, auf die Furcht folgt, ist ein schwer unterdrückbarer menschlicher Zug.

ZEIT: Die Bankenkrise hat Europa erreicht. Glauben Sie, dass die Finanzinstrumente heute zu kompliziert geworden sind, als dass man sie wirklich noch kontrollieren könnte? Durchschauen die Chefs der großen Banken noch, was in ihren Handelssälen passiert?

Greenspan: Im Augenblick nicht, denke ich. Doch eine Konsequenz der Krise ist, dass einige Finanzinstrumente, die niemand komplett verstanden hat, heute keine Käufer mehr finden. Die Ausgabe von collaterized debt obligations…

ZEIT: …einer Form von Schuldscheinen, die viel zur Hypothekenkrise in den USA beitrugen…

Greenspan: …ist rapide zurückgegangen. Neue Hypothekenkredite mit schlechter Bonität werden quasi nicht mehr vergeben. Die Anpassung ist also bereits vollzogen, und wir haben die Nachfrage nach diesen Finanzinstrumenten nicht mehr. Die Frage lautet daher auch nicht, ob man sie regulieren sollte oder nicht, weil sie quasi nicht mehr existieren. In diesem Sinne funktionieren die Märkte sehr gut.

ZEIT: Die Menschen haben viel Vertrauen in das Bankensystem verloren. Wie lässt es sich zurück gewinnen?

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Greenspan: Banken haben mit zu geringen Kapitalanteilen gearbeitet. Viele von ihnen ermitteln ihren Kapitalbedarf auf Basis von Daten, die aus der euphorischen Periode eines Konjunkturzyklus stammen, wenn sich die Renditen verschiedener Kreditinstrumente wenig unterscheiden, wenn das Risiko und die Zahl der Kreditausfälle gering sind. Wir brauchen das Kapital aber nicht für solche Perioden, sondern während einer Rezession, wenn die Furcht regiert und der Druck am Kreditmarkt groß ist. Es geht also um Folgendes: Statt zu entscheiden, welche speziellen Investmentvehikel nun schädlich sind und welche nicht, sollte das Problem auf einer generelleren Ebene gelöst werden, indem man viel mehr Kapital hinterlegt. Dann können Sie große Verluste hinnehmen, ohne dass Sie sich sofort am Markt zusätzliches Kapital beschaffen müssen.

ZEIT: Der Kurs des Euro ist stetig gestiegen. Kann der Euro zur führenden Reservewährung der Welt werden oder zumindest zu einer der beiden wichtigsten?

Greenspan: Vor einigen Jahrzehnten war man noch überzeugt, die Welt könne nur eine internationale Währung haben. Doch heute gibt es so viel Liquidität, dass kein Grund bleibt, warum man nicht mehr als eine haben sollte. Der Euro behauptet sich bereits als eine internationale Währung, und zwar weniger bei den Reserven der Zentralbanken als in den Beständen privater Investoren. Im Privatsektor liegt der Euro nur ein paar Prozentpunkte hinter dem Dollar, sogar wenn man die Veränderung der Wechselkurse herausrechnet.

ZEIT: Die Gewichte der Weltwirtschaft verlagern sich nach Osten, nicht wahr?

Greenspan: Sicherlich. Ein Grund ist die Bevölkerungsentwicklung. Ein anderer liegt darin, dass die fernöstlichen Länder Technologie übernehmen können und dass ihre Produktivität deshalb zwei- oder dreimal so schnell wächst wie die in den USA. Wenn die Länder in Ostasien ihre Märkte offen halten, wird ihr Anteil an der Weltproduktion über die nächsten 20 Jahre weiter steigen.

ZEIT: Mit tief greifenden politischen Folgen.

Greenspan: Die Expansion der globalen Marktkräfte ist eine positive Entwicklung, keine negative. Wir haben Hunderte Millionen von Menschen aus der Armut gehoben. Dieser Prozess wird uns allen nützen.

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Das Gespräch führte Matthias Naß

Aus dem Englischen von Thomas Fischermann

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