Es ist eine Erfolgsgeschichte von geradezu historischen Ausmaßen. Die Deutschen lieben alles, was Geschichte hat, sie lieben das Sammeln und Erinnern und Betrachten, sie lieben ihre Museen. Stetig steigt die Zahl der Besucher, über 100 Millionen kommen Jahr für Jahr, achtmal mehr als in die Fußballstadien, Erste und Zweite Bundesliga zusammengerechnet. Und ständig werden neue Häuser gebaut, für Heimat- und Volkskunde, für Archäologie, Kunst oder Technikgeschichte. Fast 6200 Museen und Ausstellungshallen gibt es unterdessen, viermal so viele wie noch vor 30 Jahren. Man könnte tatsächlich meinen, die Geschichte des deutschen Museums sei eine Erfolgsgeschichte.

Als vor gut 200 Jahren die ersten öffentlichen Sammlungen gegründet wurden, war es ein Akt der Emanzipation: Nicht nur die Adeligen, die Reichen und Mächtigen sollten das Museum besuchen dürfen, alle sollten kommen, alle sich erfreuen und bilden, den Reichtum der Geschichte und Kunst als ihren Reichtum begreifen. Das Museum als Ort geteilter Werte, offen für alle – das war die Hoffnung. Und heute?

Heute ist das Museum ein Ort der Abgrenzung, der unsichtbaren Sozial- und Klassenschranken. Ähnlich wie in der deutschen Schule bleiben auch im deutschen Museum die Gebildeten und Wohlhabenden unter sich. Wer als Kind mit seinen Eltern gelegentlich eine Ausstellung besuchte, wird dasselbe auch mit seinen Kindern tun. Wer gerne liest, ins Theater geht oder im Chor singt, dem ist auch das Museum nicht fremd. Alle anderen hingegen bleiben fern.

Manche Tickets kosten bereits 10 Euro – vielen Menschen ist das zu teuer

Die Akademiker sind in aller Regel deutlich in der Überzahl, die weniger gut Gebildeten finden hingegen nur selten ins Museum. Lediglich drei bis vier Prozent der Besucher haben einen Hauptschulabschluss, stellt eine Studie des Instituts für Museumskunde fest. Weniger als fünf Prozent sind Facharbeiter. Wer also zu Rembrandt oder Beuys geht, kann sicher sein: Er trifft auf seinesgleichen.

In vielen anderen Ländern ist es nicht besser. In Frankreich zum Beispiel hat jeder Zweite noch nie ein Museum von innen gesehen. Vor allem die Ärmeren, die Arbeitslosen und Einwanderer bleiben draußen, ähnlich wie hierzulande. Doch anders als bei uns beginnen die Franzosen offen darüber nachzudenken, wie sich der alte Traum vom Museum für alle neu beleben ließe – und die Politik beginnt zu handeln. Für zunächst 14 öffentliche Sammlungen verfügte die Kulturministerin Christine Albanel eine Radikalöffnung: Seit Beginn des Jahres dürfen sie keinen Eintritt mehr verlangen.

Auch in vielen deutschen Museen war es jahrzehntelang üblich, auf jede Art von Entgelt zu verzichten. Als aber der Museumsboom in den achtziger Jahren begann und sich die ersten Städte mit spektakulären Neubauten schmückten, wurde der Besucher als Geldquelle entdeckt. In Baden-Württemberg zum Beispiel mussten die Museen plötzlich eine »globale Mindereinnahme« an den Finanzminister entrichten, eine Art Strafsteuer, die sich nach der Zahl ihrer Besucher bemisst. Heute liegt der Eintritt mancherorts schon bei 10 Euro.

Das scheint nicht übermäßig viel zu sein, die meisten Bücher, Theater-, Opern- und Konzertkarten sind teurer. Zudem gibt es viele Vergünstigungen für Studenten, Rentner oder die Mitglieder des Museumsvereins, manche Museen bieten auch einen eintrittsfreien Sonntag. Dennoch hat der Preis auf viele Menschen eine abschreckende Wirkung. Nicht auf Touristen, die nehmen den hohen Eintritt ohne Murren hin, auch das besagt die Studie des Instituts für Museumskunde. Doch für sozial schwächere Familien sind die fälligen 10, 15 oder 20 Euro durchaus ein Grund, von einem Besuch abzusehen.

Andere fühlen sich unter Druck gesetzt: Sie meinen, für ihr Geld wirklich alles sehen zu müssen, sie beschleunigen den Schritt und wandern, ohne noch viel wahrzunehmen, von Saal zu Saal. So verhalten sich auch Museumsbesucher, die nicht weit entfernt wohnen und ohne großen Aufwand wiederkommen könnten. Mit dem steigenden Ticketpreis sinkt bei ihnen die Bereitschaft, die Sammlung öfter zu besuchen. Kaum jemand kann oder will es sich noch leisten, ab und an nur für eine halbe Stunde vorbeizuschauen, um sich einmal in Ruhe einen Saal oder auch nur ein einzelnes Bild anzusehen.

Britische Museen verdoppelten ihre Besucherzahlen in nur einem Jahr

Warum also nicht den Eintritt abschaffen? Gewiss, die Museen könnten ohne die Ticketeinnahmen einige Ausstellungen nicht finanzieren. Allerdings wären die Einnahmeverluste für die meisten Häuser keineswegs besonders groß. Oft werden nur fünf bis zehn Prozent des Gesamtetats aus Eintrittsgeldern bestritten, in manchen Häusern sind es noch weniger, nur zwei Prozent zum Beispiel in Stuttgarts Staatsgalerie. Mancherorts übersteigen die Kosten für das Kassenpersonal sogar die Einnahmen durch den Ticketverkauf. In Magdeburg verzichtet man deshalb seit 2005 auf den Eintritt – und spart Jahr für Jahr 50.000 Euro.

Zudem profitiert man dort davon, dass die meisten Besucher viel bereitwilliger spenden, wenn sie kein Ticket kaufen müssen. Sie geben auch mehr Geld für Postkarten und Kaffee aus, wovon viele Museen indirekt ebenfalls profitieren. Vor allem aber kommen mehr Menschen, um genau zu sein: Es kommen sehr viel mehr Menschen.

Als in den Londoner Museen 2001 kein Eintritt mehr erhoben wurde, stiegen die Besucherzahlen binnen eines Jahres um 62 Prozent, im Victoria and Albert Museum sogar um 157 Prozent. Ähnliche Erfolge vermeldete Stockholm: Nach Aufhebung der Zahlpflicht kamen doppelt so viele Menschen ins Moderna Museet wie zuvor. Um diesen kulturellen Reingewinn von 100 Prozent zu finanzieren, musste das Kultusministerium den Etat des Museums lediglich um zehn Prozent erhöhen. Das allerdings erschien der Mitte-rechts-Regierung, die 2006 antrat, unverhältnismäßig viel zu sein. Seither werden wieder Tickets verkauft – mit der Folge, dass sich die Besucherzahlen halbiert haben!

Niemand wird also bestreiten können: Eintrittspreise sind eine gewaltige Hürde. Und vieles verändert sich, wenn diese Hürde fällt. Das ist für die Museen nicht immer erfreulich, zum Beispiel müssen sie mitunter mehr für Putz- und Sicherheitskräfte ausgeben. Doch bei Weitem überwiegen die Vorteile: Endlich kommt wieder die ständige Sammlung, das Herzstück der Museen, zu ihrem Recht.

Sie ist vielerorts in den Hintergrund getreten, seitdem immer mehr Sonder- und Großausstellungen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. In Berlin müssen die Expressionisten und DDR-Künstler oft ins Depot verschwinden, weil wieder einmal ein MoMA-Event über Monate die Nationalgalerie blockiert. Auch andernorts scheint fast vergessen, dass die Museen eigentlich Orte des Sammelns und Forschens sind. Wer hingegen den Eintritt abschafft, wird erleben, dass selbst die hintersten Säle ihr Publikum finden. Nicht länger zieht nur das Besondere die Menschen an, auch die permanente Sammlung wird wieder beachtet und gewinnt an Reiz.

Manch einer mag einwenden, die Museen sollten sich doch bitte schön nicht unter Wert verkaufen. Und einen Wert besäße nur, was auch etwas koste. Allerdings ignoriert er damit die Erfahrungen etwa in England. Dort muss das Publikum für Sonderausstellungen weiterhin kräftig zahlen; dennoch – oder gerade deshalb – haben die ständigen Sammlungen enorm an Attraktivität gewonnen.

Auch darf man nicht vergessen, dass ein Museum die Besucher selbst dann etwas kostet, wenn ihnen der Ticketkauf erlassen wird: Sie müssen ihre Zeit investieren, Geduld und Neugier, Ausdauer und Konzentration. Der Betrachter soll lesen und lernen, soll sich einlassen auf vertrackte Objekte, sich öffnen für die ästhetische Erfahrung. Ein hoher Preis, wenn man es recht bedenkt. Er ist es, der den Wert des Museums ausmacht.

Worauf also warten? Wann endlich handeln die deutschen Kulturpolitiker? Natürlich stürmen nicht plötzlich lauter Hauptschüler oder Arbeitslose die Sammlungen, nur weil der Eintritt wegfällt. Doch kommen sehr viel mehr von jenen Menschen ins Museum, die bislang nicht kamen, und die soziale Mischung wird bunter – auch das zeigen die Erfahrungen in London, Stockholm, Magdeburg. Die Vorherrschaft der Begüterten löst sich auf, das Museum gewinnt an Selbstverständlichkeit.

In Frankfurt a. M. und Stuttgart sollen Sponsoren die Tickets bezahlen

Zu dieser Selbstverständlichkeit gehört, dass jedes öffentliche Haus öffentliche Gelder bekommt. Kein Museum kann ohne Förderung bestehen. Die Frage ist aber, ob das Gemeinwesen auch bereit ist, seine gemeinsamen Schatzkammern für eine breite Gemeinschaft zu öffnen. Das ist nicht nur eine finanzielle Frage, sondern vor allem eine Frage der Gerechtigkeit: Sind wir bereit, den Museen fünf bis zehn Prozent mehr zu geben, damit sie das sein können, was sie eigentlich sein sollten?

Manche Museen handeln bereits, die Staatsgalerie in Stuttgart zum Beispiel und das Städel in Frankfurt am Main. Dort versuchen die Direktoren gerade, einen Sponsor zu finden, der ihnen das Loch füllt, das durch einen Verzicht auf Ticketgelder entstehen würde. Doch so sinnvoll die Unterstützung durch Sponsoren oft sein mag, hier wäre sie absurd. Man sieht die Slogans schon vor sich: »Ihr freier Eintritt – ermöglicht durch die Deutsche Bank!« Dabei sind es doch wir selbst, die uns den Eintritt ermöglichen. Die Bürger tragen das Museum, ihnen gehört es – und ihnen obliegt es, allen den Zugang zu erleichtern.