Er hat einen finanziellen Schaden angerichtet wie kein Mensch jemals zuvor. Trotzdem ist er ein freier Mann, jedenfalls vorerst. Am Montagabend entließ die Pariser Staatsanwaltschaft auf Anordnung eines Gerichts den Aktienhändler Jérôme Kerviel aus ihrem Gewahrsam. Er gab seinen Pass ab und erhielt die Auflage, nicht mit den früheren Kollegen in der Société Générale zu sprechen. Das wird ihm nicht schwerfallen.

Eine Kaution musste der 31-Jährige nicht hinterlegen. Damit ging das Gericht der schwierigen Frage aus dem Weg, wie viel man von einem Mann als Sicherheit verlangen sollte, dessen berufliches Wirken seinem Arbeitgeber einen Verlust von mehr als 4,8 Milliarden Euro eingetragen hat.

Es handelt sich um einen auch für Richter schwer vorstellbaren Betrag. Das Geld würde ausreichen, um 21 Flugzeuge vom Typ Airbus 380 zu kaufen. Man könnte auch 13.000 Rolls-Royce bestellen. Oder 112.000 Lehrer ein Jahr lang bezahlen. Bei der Größe dieses Verlustes ist es verständlich, dass die Vorstandsherren der zweitgrößten Bank Frankreichs einen Schuldigen präsentierten. Ein Händler aus der Delta-One-Abteilung habe einen »schweren internen Betrug« begangen, gaben sie am Donnerstag vergangener Woche bekannt. Später sickerte der Name durch. Ein Bild ging per Internet um die Welt und wurde millionenfach in den Zeitungen gedruckt.

Es ist das Foto, mit dem sich der Franzose auf der Internetkontaktseite Facebook präsentiert. Es zeigt einen missmutigen, fast zornigen Mann. Ein Bild, das Unbehagen auslöst. Es erinnert an Fotos, wie man sie von Selbstmordattentätern und Amokläufern kennt. Und tatsächlich schien es für eine kurze Zeit so zu sein, als sei die Welt von einer neuen terroristischen Bedrohung heimgesucht worden. Als habe sie es mit einem Amokläufer neuen Typs zu tun. Einem, der darauf abzielt, den größtmöglichen wirtschaftlichen Schaden anzurichten. Die These vom Finanzterroristen Kerviel erhielt dadurch Nahrung, dass die Bank keine Angaben darüber machte, welche Motive der Händler gehabt haben könnte. Und der genannte Schaden war so unermesslich groß, dass es sich eigentlich weder um eine Fehlspekulation handeln konnte noch um den Versuch eines einfachen Angestellten, die Bank von innen zu berauben.

Inzwischen hat sich das Bild einigermaßen geklärt. Kerviel hat bei der Staatsanwaltschaft umfangreiche Aussagen gemacht. Die Bank hat Details zu den verhängnisvollen Geschäften ihres Händlers veröffentlicht. Und das interessierte Publikum bekommt einen Einblick in die Welt des Derivatehandels. Es lernt etwas über Futures und Plain-Vanilla-Optionen, liest von Margin Calls und den Besonderheiten der Arbitrage – und staunt, mit welchen Beträgen die Banken heute ihre Händler hantieren lassen.

Endlich raus aus dem Hinterzimmer und ran an die großen Wetten

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den geständigen Kerviel der Untreue, der Fälschung und des Eindringens in Computersysteme. Den Vorwurf des schweren Betrugs, den die Bankmanager erhoben hatten, hielt sie für unbegründet. Auf Mittäter gebe es keinen Hinweis. Für die Führung der Société Générale sind die Ergebnisse der Ermittler desaströs. Die Bank, die bis zur vergangenen Woche zu den angesehensten Geldhäusern weltweit gehörte, steht nun völlig blamiert da. Was als Krimi begann, entwickelt sich zur Tragikomödie. Ein einzelner Aktienhändler aus der dritten Reihe hat offenbar alle Kontrollen aushebeln können und, ohne dass es seine Vorgesetzten merkten, an den internationalen Finanzmärkten eine Wette aufgegeben, bei der er den Betrag von 50 Milliarden Euro aufs Spiel setzte. Das ist mehr Geld, als die ganze Bank wert ist.