So nervenaufreibend war noch keine amerikanische Vorwahl. Kampagnenmanager flehen seit Wochen: "Liebe Leute, bitte verschafft uns entweder ein klares Ergebnis oder eine Beruhigungspille." Doch Millionen Wähler zwischen New York und Los Angeles haben am Super Tuesday entschieden, es solle spannend bleiben. Zwar steht bei den Republikanern nun der Sieger weitgehend fest, doch auf wen John McCain im Kampf um das Weiße Haus treffen wird, bleibt offen. Das packende Duell zwischen den Demokraten Hillary Clinton und Barack Obama hält das Land weiter in Atem.

Außerhalb Amerikas blickt man teils amüsiert, teils etwas naserümpfend auf dieses Spektakel. Präsidentschaftswahlkämpfe sind immer auch eine große Show. Die Menschen wollen nicht nur informiert, sie wollen auch unterhalten und mitgerissen werden. Sie wollen ihren Spaß haben und möglichst viel Prominenz auf der Bühne erleben. Dieses Mal haben sich besonders viele Stars in die Schlacht ums Weiße Haus geworfen. Der Zirkus darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass den Wählern in Wahrheit sehr ernst zumute ist und für sie dieses Mal besonders viel auf dem Spiel steht. Zudem: Trotz aller Luftballons und allen Tamtams hat dieser erstaunliche Wahlkampf mit seinen ungewöhnlichen Kandidaten bereits ein weicheres und sympathischeres Bild von Amerika in alle Welt gesendet. George W. Bush ist zwar noch Präsident, aber fast schon Geschichte.

Es ist ein Triumph derDemokratie, wenn eine ehemalige First Lady, ein schwarzer Senator und ein hochdekorierter Kriegsheld sich monatelang bis in die hintersten Winkel des Landes quälen, um sich den drängenden Fragen von verwundeten Irakveteranen, gebeutelten Lehrerinnen oder verschuldeten Lastwagenfahrern zu stellen. Wer diesen direkten, oft unbequemen Begegnungen ausweicht, hat schon verloren. Im Jahre acht der Ära Bush zeigt sich eine neue, ernsthafte, manchmal fast verzweifelte Begeisterung der Amerikaner für ihr Gemeinwesen. Seit Ewigkeiten haben sich nicht mehr so viele Junge, Schwarze und Frauen an der Kandidatenauswahl beteiligt. Und der amerikanische Wahlkampf ist eben nicht nur eine Show, er ist auch ein Wahrheitsserum. Der kräfteraubende Wahlkampf deckt jede Lüge, jedes leere Versprechen auf. Die Kandidaten stehen monatelang unter genauer Beobachtung.

Natürlich faszinieren in den Vereinigten Staaten – wie in Europa und in der ganzen Welt – vor allem Barack Obama und Hillary Clinton. Zum ersten Mal könnte ein Schwarzer oder eine Frau ins Oval Office einziehen und die einzig verbleibende Supermacht führen. Doch auch der querköpfige 71-jährige John McCain, der die Folter der Vietcong überlebte und als republikanischer Senator mit seiner Partei seit Jahrzehnten in der Innen- und Außenpolitik immer wieder über Kreuz liegt, wirkt auf seine Weise zeitgemäß.

Mit ihren Stimmen für Obama, Clinton und McCain haben die Amerikaner bereits entschieden, dass sie das Kapitel George W. Bush so schnell und so gründlich wie möglich schließen wollen. Sie möchten die erbitterten Grabenkämpfe und die außenpolitischen Hasardspiele beenden. Sie sehnen sich nach einer anderen Politik – und nach anderen Politikern. Authentizität, Ehrlichkeit, Erfahrung, Versöhnlichkeit und Mitgefühl sind derzeit die begehrtesten Eigenschaften für einen neuen Präsidenten.

Zeit für den Wandel. Die Amerikaner leiden unter dem schlechten Ruf ihrer Regierung und ihres Landes. Selbst hartgesottene Republikaner bekennen, dass sie im Ausland auf die Frage, woher sie denn kämen, am liebsten antworteten: aus Kanada. Ein Präsident Obama würde das Bild Amerikas wahrscheinlich am nachhaltigsten in neue, friedliche Farben tauchen. Schließlich war er von Anfang an gegen den Irakkrieg. Als Junge hat er in Indonesien gelebt und dort gelernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Doch auch die Irakkrieg-Befürworter Clinton und McCain sind keine Abenteurer. Sie versprechen ein Ende der Cowboy-Diplomatie und wollen die drängenden Probleme dieser Welt wie Hunger, Überbevölkerung, Atomrüstung und Erderwärmung am liebsten gemeinsam mit ihren Verbündeten lösen. Das wird für die Freunde, allen voran die Europäer, nicht bequemer, aber allemal erfreulicher.

Gerade John McCains Erfolg in den Vorwahlen symbolisiert das Ende des konservativen Extremismus und der Verachtung des internationalen Rechts. Es scheint, als sehnten sich viele Republikaner zurück zu einem Platz in der politischen Mitte und als brauchten sie dafür McCain als Wegbereiter. Zum Ärger der Regierung Bush stritt er gegen die Folterpraxis der Geheimdienste, stimmte für strengere Umweltgesetze und gegen Steuersenkungen für Reiche.