Und die Noten? Valentina – rosa Sweatshirt, Sommersprossen, ein falscher Diamant in der Nase – überlegt. »Das Diktat war Zwei, Mathe Drei und Englisch eine Vier.« Karolina Wolf nickt: »Das ist gut, das ist sehr gut, Valentina.« Seit vier Monaten trifft sich Wolf mit dem Mädchen zum Einzelunterricht. Einmal pro Woche ist die pensionierte Lehrerin zwei Stunden für die 14-Jährige da. Während die Klassenkameraden bereits zu Hause sind, rechnet Valentina Dezimalbrüche, übt deutsche Rechtschreibung und englische Grammatik. Wenn das Mädchen so weitermacht, könnte es ihn tatsächlich schaffen – den Abschluss auf der Hauptschule.

In der Familie Mauri* wäre sie damit die Bildungsbeste. Ihre beiden Geschwister kamen nicht über die Förderschule hinaus. Und auch Valentina verbrachte die Klassen drei bis sechs auf einer Einrichtung für Lernbehinderte. Behindert war sie nicht, doch ihre Deutschkenntnisse ließen zu wünschen übrig und die Zensuren ebenso. Also überwiesen die Lehrer das Kind in eine Spezialeinrichtung, wo die Klassen klein und die Ansprüche niedrig sind. Vier andere Kinder italienischer Herkunft saßen mit ihr in der Bank. Als Einzige von ihnen hat Valentina im Sommer den Sprung zurück auf die Regelschule geschafft, wo sie nun mit Hilfe der Privatstunden von Frau Wolf ihrem Traumberuf näher kommt: Friseurin.

Die Lehrerin hat viel zu tun an der Stuttgarter Wolfbuschschule. 21 von 36 italienischen Kindern der Grund- und Hauptschule benötigen Hilfe, um wenigstens den deutschen Minimalabschluss zu schaffen. Einige wenige erreichen dank der Nachhilfe sogar die Mittlere Reife.

Von allen Einwanderern tun sich Italiener am schwersten in der deutschen Schule. Keine andere Gruppe zählt mehr Kinder auf der Förderschule als sie (siehe Tabelle). Rund die Hälfte von ihnen schafft es nur auf die Hauptschule. Selbst die Nachfahren türkischer Einwanderer, die bekanntesten Sorgenkinder in deutschen Klassenzimmern, schneiden besser ab.

Das Scheitern junger Italiener erscheint paradox. Und es wirft manch simple Theorie über die Ursachen von Bildungsmisere und Integrationsproblemen über den Haufen. Italiener sind Europäer und gute Katholiken. Das Vorurteil vom muslimischen Macho, dem seine Religion beim Lernen im Wege steht, trifft auf sie nicht zu. Gewiss, die Gastarbeiter aus dem Mezzogiorno waren arm und unqualifiziert. Aber das waren ihre spanischen Kollegen aus Andalusien ebenso, deren Kinder heute doppelt so häufig das Gymnasium besuchen und dreimal so oft die Universität. An ihrer Kultur kann es also kaum liegen, dass einige Migranten erfolgreich sind und andere scheitern.Keine Einwanderergruppe hatte länger Zeit zur Integration und bekam mehr Hilfe aus der Heimat als die Italiener. Warum haben sie beides so schlecht genutzt? Und wie kommt es, dass die deutschen Schulbehörden das notorische Versagen der Giuseppes und Giuseppinas so lange ignorieren konnten? An Ausländerfeindlichkeit kann es nicht liegen: Kaum ein Land schätzen die Deutschen so sehr wie Bella Italia. »Sprechen die Deutschen vom Ausländerproblem, meinen sie nie uns«, sagt Faiti Salvadori, italienischer Generalkonsul in Stuttgart, und es hört sich fast bedauernd an.

Salvadori betreut die nach Buenos Aires und Rio drittgrößte italienische Auslandsgemeinde der Welt. Was sie auf den ersten Blick auszeichnet, ist ihre Unauffälligkeit. Es gibt keine italienische Jugendgewalt, von deutsch-italienischen Nachbarschaftskonflikten ist nichts bekannt. Im Gegenteil: Begrüßt der italienische Wirt seinen deutschen Gast mit einem lockeren Ciao, dann fühlt dieser sich geehrt (was für ein türkisches Merhaba nicht unbedingt gilt). Doch nehme man den schulischen Erfolg als Gradmesser für Integration, sei die Situation seiner Landsleute »dramatisch«, sagt Salvadori. Und zwar besonders im Bildungsmusterländle Baden-Württemberg. Hier landen fast doppelt so viele italienischstämmige Kinder auf der Förderschule wie auf dem Gymnasium, im Landkreis Ravensburg etwa sind es 21,8 Prozent. Knapp die Hälfte der Jungen ist bereits in Klasse drei einmal sitzen geblieben.

Auf der Suche nach einer Erklärung findet der Generalkonsul selbstkritische Worte. Er spricht von einem teilweise geringen Interesse seiner Landsleute an Bildung. Er kritisiert »mangelnde Aufstiegsambitionen«. Weder Rechtsanwälte noch Ärzte oder Lehrer hätten sie hervorgebracht. Warum die Integration jedoch gerade in Deutschland stecken geblieben ist, lässt sich allein mit der Mentalität seiner Landsleute nur schwer erklären. Schließlich haben die gleichen Auswanderer es in Belgien oder Frankreich recht weit gebracht. Es muss also wohl auch mit dem Einwanderungsland zu tun haben – und mit seinen Schulen. »Wir haben das Gefühl«, sagt Salvadori diplomatisch, »dass die italienischen Kinder nicht alle die Unterstützung bekommen, die sie benötigen.« In einem Aufsatz wird Salvadori konkreter: »Der selektive Charakter des deutschen Schulsystems ist eine Art der Diskriminierung.«