Wie schwer es sein kann, sich »einen Gedanken zu machen«, hat Gerhard Polt sehr plastisch vorgeführt. Da läuft so ein fleißiger Firmenmitarbeiter auf dem Gang zum Klo seinem Chef, dem Dr. Bödele, direkt in die Arme, und schon ist das Wochenende ruiniert. Am Montag nämlich wird der Soundso verabschiedet. Und da soll er sich mal »einen Gedanken machen«. Der Auftrag raubt ihm den Schlaf. Samstag, wie gerädert. Sonntag, immer noch gedankenlos. Und Montag hält er dann seine Rede, statt fünf Minuten eine halbe Stunde, weil der Gedanke sich eben nicht eingestellt hat.

Den Arbeitern im fröhlichen Weinberg des Feuilletons ist das Problem bekannt, auch ohne Dr. Bödele. Man ist sozusagen inwendig bereits verbödelisiert, denn wer, wenn nicht das Feuilleton, lebt schließlich davon, sich unablässig einen Gedanken zu machen und Debatten anzuregen.

Starke Worte über die Agonie des Politischen

Und manchmal entwickeln Gedanken, selbst wenn sie falsch wären, eine erstaunliche Produktivkraft. So hat Gregor Dotzauer, Literaturredakteur beim Berliner Tagesspiegel, seine Rezension des neuen Romans Teil der Lösung von Ulrich Peltzer mit diesen Worten eröffnet: »Manchmal sieht man noch ein Zucken. Ein Zeigefinger fährt in die Luft, eine Hand versucht, sich mit letzter Kraft zur Faust zu ballen. Doch an der grundsätzlichen Diagnose führt kein Weg vorbei: Die Geschichte der politischen Dichtung in der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Geschichte einer Agonie.«

Das dürfte übertrieben sein, aber eben darauf kommt es hier an, auf den Geist der Provokation. Wenn es noch Kräfte des Unmuts, des existenziellen Widerspruchs gibt, müssten sie hier aufhorchen. Gerade in der Absage an die politische Bedeutung von Literatur äußert sich ein gesteigertes Bedürfnis nach Politisierung, nicht im Sinne von Anklage inklusive der alten ideologischen Irrtümer, sondern als Forderung nach einer scharfen Durchleuchtung der politischen Verhältnisse, die sich selbst zunehmend entpolitisieren. Hat sich die Politik nicht bis zur Handlungsunfähigkeit selbst ausgebremst, ist anämisch wie ein seniler Alter am Stock, als müsste die kleinste falsche Bewegung – die Forderung nach Mindestlöhnen etwa – den Kollaps des Abendlands auslösen?

Das stagnierende Ganze gerät merklich ins Strudeln und bringt auch den Einzelnen immer mehr aus dem Tritt. Keiner weiß mehr, ob er die Meinung, die er sich heute leistet, morgen noch vertreten kann. Der Wunsch nach einer Repolitisierung der Literatur könnte der Wunsch sein, sich als Subjekt mit freien Handlungsspielräumen noch irgendwo wiederzufinden.

Das alles schwingt in Dotzauers starken Worten von der schwachen Faust und der Agonie des Politischen irgendwie mit. Die Botschaft hat auch die Berliner Akademie der Künste dankend aufgenommen. Dieser Tage fand dort, moderiert von Gregor Dotzauer, eine Veranstaltung mit den Schriftstellern Georg M. Oswald und Ulrich Peltzer statt zum Thema »Wird die Literatur wieder politisch?«. An der Frage hat natürlich auch die Akademie, die unter notorischem Legitimationsdruck leidet, ein vitales Interesse, in der Hoffnung, dass die beiden letzten Wörter – »wieder politisch, wieder politisch« – in der Öffentlichkeit Widerhall finden.