Die Ungeduld kann man verstehen. Da rast die Konjunktur der USA auf eine Rezession zu, der amerikanische Notenbankchef Benjamin Bernanke senkt die Zinsen um spektakuläre 1,25 Prozentpunkte, doch trotzdem geschieht nicht viel. "Märkte ignorieren US-Zinssenkung" lauteten Schlagzeilen, als nach Bernankes beherztem Signal die Aktienkurse weiter fielen. Es sei "verpufft", war zu lesen.

Ökonomen dürften sich über die Schlagzeilen gewundert haben. Denn die Wirkung von Leitzinssenkungen tritt nicht am selben Tag ein, sondern mit gehöriger Verzögerung. "Traditionell sind es sechs Monate bis ein Jahr oder gar länger", sagt Gerhard Illing, Geldpolitik-Experte an der Universität München. Warum so lange?

Einer der wichtigsten Effekte einer Zinssenkung ist zugleich der beliebteste: Sie soll den Konsum ankurbeln. Das leuchtet ein. Wenn die Zinsen bei der Sparkasse oder Postbank niedrig sind, legen die Leute dort weniger Geld an. Zugleich ist es für sie günstiger, Überziehungs- oder andere Konsumkredite aufzunehmen.

Doch die Zinsen der Banken, auf die es den Konsumenten ja ankommt, können die Zentralbankiers in Frankfurt oder Washington nur indirekt beeinflussen. Zu welchem Satz eine Bank Kredite vergibt, erst recht solche über längere Laufzeiten, hängt nämlich außer vom Leitzins noch von vielen anderen Dingen ab. Von den Erwartungen an zukünftige Leitzinsänderungen zum Beispiel. Von der Inflation und der Erwartung künftiger Inflation. Und vom Vertrauen der Banker (und ihrer Aufsichtsbehörden) in die Fähigkeit der Schuldner, ihre Kredite zurückzuzahlen.

Die jüngste Finanzmarktkrise hat dieses Vertrauen so stark erschüttert, dass mancher Kreditgeber sich von Zinssenkungen allein die Furcht nicht austreiben lässt. "Wir erleben eine umfassende Neubewertung von Risiken", sagt Jan Pieter Krahnen, der an der Universität Frankfurt Finanzen lehrt.

All diese Dinge ändern sich – anders als der Leitzinssatz selbst – nicht einfach über Nacht. Und selbst wenn sich eine Bank schließlich entscheidet, Kredite billiger zu vergeben, betrifft das nur die neu abgeschlossenen, festverzinslichen Kredite. Alle anderen Kredite laufen in der Regel zu den alten Sätzen weiter. Also dauert es noch mal länger, bis die Zinssenkung beim Konsumenten ankommt.

Sämtliche "Transmissionsmechanismen", über die Zinssenkungen die Konjunktur befeuern, haben so etwas wie eingebaute Zeitzünder. Kreditfinanzierte Investitionen von Unternehmen oder die Errichtung neuer Gebäude auf Pump? Sie brauchen Jahre und Unternehmermut, bis sie sich tatsächlich niederschlagen. Eine Reaktion des Wechselkurses? Das ist eine wichtige Folge, denn sinkende Zinsen in Washington senken auf Dauer den Wert des Dollar in Euro und anderen Währungen. Also können die Amerikaner mehr exportieren, gut für ihre Wirtschaft. Doch weil Handelsverträge meist langfristig geschlossen werden, braucht auch diese Wirkung einige Zeit, um sich zu entfalten.