Kulturradiomacher haben es schwer. Die Entertainmentepoche hat Distanz durch Nähe ersetzt, Verstand durch Emotion, Relevanz durch Scheinprominenz. Die Medienforschung diagnostiziert den Zerfall traditioneller Hörertreue, das klassische Bildungsbürgertum schwindet. Junghörer sind an Magazinjournalismus gewöhnt, auf Häppchenkonsum geeicht. Schwinden dann die Prozentziffern, murrt die Intendanz, schrumpfen die Quoten bei steigenden Gebühren, hebt der Rundfunkrat den Finger. Wie reagieren? Eine Reform muss her; wenn die Kultur sich wandelt, muss sich auch die Vermittlungsform wandeln. Wäre alles andere nicht unverantwortlich?

Der Geist der Zeit hat auch den mächtigen WDR erreicht. Mit Billigung der neuen Intendantin Monika Piel haben Hörfunkdirektion und Wellenleitung eine »Optimierung« des Nachmittagsprogramms im dienstältesten Kulturradio der Republik angekündigt. Die Programmreform von WDR 3, heißt es in der Beschlussvorlage, führe die bereits angestoßene Änderung von einem Einschalt- zu einem Tagesbegleitprogramm konsequent fort. Die Hörerforschung belege, dass bei insgesamt sinkender Akzeptanz WDR 3 sein Publikumspotenzial vor allem am Nachmittag unzureichend ausschöpfe. Kurzum: Das Kulturradio soll eine musikgestützte Kulturwelle werden und sich schärfer vom Wortprogramm WDR 5 abgrenzen.

Pro Sendestunde stehen künftig 13 Minuten Wort zur Verfügung

Wenn der Rundfunkrat am kommenden Freitag zustimmt, tritt das »Tagesbegleitprogramm« am 1. Mai in Kraft. Wenn aber stimmt, was viele Hörfunkredakteure sagen, nimmt damit ein Verhängnis seinen Lauf. Von Qualitätsvernichtung ist die Rede, von »Entwortung« und Verflachung. Der Aufschrei wird geflüstert, aus arbeitsrechtlichen Gründen, doch es ist unüberhörbar: Um die Kultur tobt ein Kulturkampf. Gefochten wird nicht nur um die hochwertigen und teuren »Minderheitenprogramme« des Kulturradios, gefochten wird um gesellschaftspolitische Ambition, kulturelles Selbstverständnis und das kritische Wort als Stachel im Fleisch der Konsensgesellschaft.

Wer das künftige Programmschema von WDR 3 studiert, vermisst in der Tat bislang tägliche Formate wie die hochgelobten Musikpassagen (jetzt nur noch samstags), das unerschrocken kommentierende Feuilleton TagesZeichen oder das dreistündige musikessayistische Vorzeigeformat 3.pm, das im gerade erschienenen ARD-Jahrbuch noch als experimentelle Radiokunst bejubelt wird. 3.pm soll künftig eine täglich durchmoderierte Nachmittagssendung in »neuem Kulturtonfall« werden, mit klassischer Musik, kleinen Beiträgen und stündlich unterbrechenden Nachrichten, die nicht mehr zulassen werden, das ganze Werk auszuspielen.

Des Weiteren fällt von vier Feature-Plätzen einer ersatzlos weg (50 Sendungen pro Jahr), der Raum für experimentelle Verknüpfungen, Analysen und Betrachtungen über Musik, Kunst und Literatur wird eingeengt. Die werktäglichen Mittags- und Nachmittagsstrecken, bis 18 Uhr in der Klangfarbe Klassik bestrichen, sollen künftig von angenehm durch den Tag begleitenden, bewusst jüngeren Stimmen moderiert werden, gerade ist ein großes Casting im Gang. Für alle Sendungen vorgegeben ist ein Musik-Wort-Verhältnis von 70 zu 30, wobei Anmoderation und Nachrichten auf das Wortkonto gehen. Pro Stunde, heißt das netto, stehen dem Kulturradio künftig 13 abgezählte Minuten Wort zur Verfügung. Der Vorwurf an Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz und Wellenchef Karl Karst ist gewaltig: organisierte Entintellektualisierung.

Beide Herren sitzen im fünften Stock des WDR-Hauptgebäudes am Wallraffplatz nebeneinander und werden nicht müde, ihr Leitmotiv »Optimierung« mit »Qualitätsversprechen« zu übersetzen. Die Ergebnisse der Medienforscher haben ihnen nahegelegt, den Grund für den Hörerschwund in der schlechten Dramaturgie des Nachmittagsprogramms zu sehen. »Wir haben«, sagt Schmitz, »nicht vor, aus Konkurrenzdruck-Denken unser Tafelsilber zu verscherbeln, ganz im Gegenteil: Wir wollen es besser polieren, damit mehr Leute Spaß dran haben.« Karst sagt: »Wir öffnen uns, wie schon mit den Teilreformen 2001 und 2004, weiteren Hörerschichten, so den modernen Kulturorientierten, und werden alles andere als ein Dudelfunk sein.«