Hic et nunc, hier und jetzt: Das ist das Dogma unserer Bühnen. Das deutsche Gegenwartstheater leidet an Gegenwartssucht. Es scheut das Imperfekt wie der Teufel das Weihwasser. Alles, was nur von fern nach Historie und Dokumentarischem riecht, überlässt es kampflos dem Fernsehen. Seine allergrößte Angst: Man könnte es mit einem Museum verwechseln. Also werden auch jung gebliebene Klassiker, fast um jeden Preis, »verheutigt«. Nur Ewiggestrige, Spätaufklärer mögen noch glauben, dass auch vergangene Gegenwart und einst erträumte, verspielte, gescheiterte Zukunft uns Heutigen Erkenntnisgewinn bringen könnten. Nein, gespielt wird im Präsens! Hier und jetzt! Geschichten, ja, die sucht das deutsche Theater nun wieder – doch von Geschichte will es nichts wissen.

Der blinde Fleck fällt vielen gar nicht mehr auf, so sehr hat man sich an ihn gewöhnt. Und beinah exotisch wirkt es, wenn ein erfolgreicher Autor von Gegenwartsstücken, der 36-jährige Martin Heckmanns, über solche Defizite ins Grübeln gerät (ZEIT 43/07: »Schlaf mit mir, du hast doch eh nichts vor« ): Warum, fragt er, gibt es im zeitgenössischen Drama keine historischen, nicht einmal zeitgeschichtliche Stoffe? Warum lautet der Auftrag immer nur: Schreib was von heute für heute? Warum legt man junge Autoren so blindlings auf die Rolle von Generationssprechern fest?

Das Theater als Fabrik: 24 neue Stücke in 18 Monaten

Wohl wahr, in Theaterseminaren ist immer wieder zu hören, es fehle den neuen Texten an »Welthaltigkeit«: zu viel Nabelschau, zu viel Wohnzimmerperspektive. Aber so sehr darüber lamentiert wird, so wenig wird dagegen unternommen. Die Autorenförderung blüht und gedeiht, aber Initiativen, die dem Nachwuchs helfen könnten, sein thematisches Spektrum zu erweitern, gibt es kaum.

Umso richtiger, umso wichtiger das neue große Dramenprojekt der Berliner Schaubühne: »60 Jahre Deutschland. Annäherung an eine unbehagliche Identität«. Es ist auf eineinhalb Jahre angelegt, soll zwei Dutzend neue Bühnentexte zur Geschichte der Bundesrepublik und der DDR generieren und wird – sonst hätte die knapp subventionierte Schaubühne es gar nicht finanzieren können – von der Kulturstiftung des Bundes mit einer halben Million Euro unterstützt.

Das Projekt hat drei Stufen. In Phase eins – sie läuft bereits und trägt den Titel »Deutschlandsaga. Uraufführungswerkstatt« – steuern insgesamt 18 Nachwuchsautoren kürzere Texte bei, je drei sind es für jedes Jahrzehnt, von den Fünfzigern bis in die jüngste Gegenwart. Die besten Stücke werden am Ende zu einem großen Abend vereint – eine Zeitreise durch 60 Jahre deutscher Geschichte.

In einem zweiten Schub (»Deutschlands missratene Kinder«) will die Schaubühne, man nimmt das angesichts des notorisch verbissenen Humors des Hauses nicht ohne Rührung zur Kenntnis, etwas für das Lachen im deutschen Theater tun: Ein Komödienwettbewerb wird ausgetragen, fünf Autoren, von Oliver Bukowski bis Gerhild Steinbuch, sollen sich »auf heitere Art und Weise« mit aktuellen gesellschaftskritischen Themen beschäftigen. Aus den Entwürfen wird ein Siegerstück auserkoren, Premiere im Herbst 2008.