Er hat sein Publikum gewarnt, aber es wird ihm nichts helfen. Sein neuer Film, sagt der amerikanische Regisseur Paul Thomas Anderson, sei keine Parabel auf den Kapitalismus, kein politischer Kommentar, sondern ein Kunstwerk. Anderson hat recht. There Will Be Blood (der im Wettbewerb der Berlinale und vom 14. Februar an im Kino läuft) ist ein ästhetisches Meisterstück aus der Menagerie der Leidenschaften, ein Film über Gier und Bosheit, über Feindschaft und Hass. Das ist die Wahrheit, aber nur die halbe.

Die andere Wahrheit lautet: Andersons Film über Aufstieg und Fall des Ölmagnaten Daniel Plainview ist eine grandiose Erzählung über den Kapitalismus, der kriminell, über einen Wohlstand, der freudlos und ein Wachstum, das zum Fetisch geworden ist. There Will Be Blood ist kein Endzeit-Film, aber ein Film über das Ende einer Ära – über den Niedergang Amerikas, dieser Weltmacht der Ungleichheit, in der die Kluft zwischen Arm und Reich heute wieder so groß ist wie in den zwanziger Jahren. Gut einhundertfünfzig Jahre dauerte die Glutphase der amerikanischen Pioniergesellschaft, doch heute ist ihr Traum ausgeträumt. Der Kapitalismus macht lebensmüde; er hat seinen Kredit verspielt und baut auf Sand.

Damit trifft Anderson den Nerv der Zeit und streut Salz in die Wunde amerikanischer Selbstzweifel. Ohne agitatorischen Zungenschlag fragt There Will Be Blood, ob die heilige Ökonomie nicht mehr Werte zerstört, als sie schöpft; ob die Opfer, die auf dem Altar des Wachstums gebracht werden, noch lohnen. Im Film steht die Antwort fest: Die Jagd nach dem ewigen Reichtum ist sinnlos und ihre Verheißung ein ungedeckter Scheck. Der Kapitalismus liebt das Geld und nicht das Leben. Vergessen wir also sein Credo: »Go West, der Schatz ist schon für dich vergraben. Du musst ihn nur finden.«

Paul Thomas Anderson ist mit Boogie Nights bekannt, mit Magnolia berühmt und mit Punch-Drunk Love beliebt geworden. Sein neuester Film hält sich an Upton Sinclairs Roman Oil! aus dem Jahr 1927, der in einer Zeit spielt, als die Sonne im Reich der Ölbarone, der Rockefellers, Paynes und Rogers, nie unterging. Gewiss, Upton Sinclair gilt als braver Sozialkritiker, aber das ist nur ein Gerücht. Oil! ist ein faszinierender Roman, weil er nicht nur die heimliche Utopie des Kapitals beschreibt, sondern auch die Tatsache, dass die Ausbeutung der Natur sich in den menschlichen Verhältnissen wiederholt. Eine Gesellschaft pumpt Öl aus der Erde, und irgendwann fließt Blut. Doch warum?

Ein Mann hat sich eingegraben und wühlt in einem Erdloch, mutterseelenallein in einer steinernen Wüste, einer stummen und uneinnehmbaren Natur, in der kein Menschenwesen etwas verloren hat. Ein unheimliches Sirren liegt über den monumentalen, von Jonny Greenwood – dem Gitarristen der Band Radiohead – untermalten Bildern. Wie in Trance buddelt der Fremde nach Gold und Silber, und plötzlich findet er den Zaubertrank der Moderne, das Schmiermittel des Fortschritts, er findet Öl. Das schwarze Gold kostet ihn zwar Blut, Schweiß und Tränen, aber der Mann ist ein Glückskind, denn er gewinnt, wenn er verliert: Er bricht sich ein Bein und findet einen Schatz. Er verliert seine Familie und heiratet das große Geld. Er tauscht einen menschlichen Verlust gegen einen kapitalen Gewinn. Und siehe da, es dauert nicht lange, und Daniel Plainview ist ein gemachter Mann, ein Unternehmer in Tweed und Leinen. Es kann nur aufwärts gehen.

Wie viel Leben wollen wir der Ökonomie opfern?

Dieser »Ölmann«, gespielt von einem hinreißenden Daniel Day-Lewis, ist ein Schlitzohr und Charismatiker, ein Spieler und Abenteurer, kühl aus unterdrückter Wärme und leidenschaftlich vernarrt in seine Braut, die Fee des Kapitals. Anderson trägt seinen Helden anfangs auf Händen und bewundert den Tatendrang, mit dem der Selfmademan das Bohrgestänge in die Eingeweide der Erde treibt. Als hieße sie Moby Dick, muss die Natur an der richtigen Stelle »angestochen« und in ihren Weichteilen, den Sandschichten, getroffen werden. Sobald das Ungeheuer zur Strecke gebracht und die Quelle angebohrt ist, spuckt die Wunde Feuer, und dann schießen Gas und Öl in den Himmel, wie ein letztes Aufbäumen der tödlich getroffenen Natur. Nach einem Augenblick des Schreckens lässt Anderson in furiosen Bildern eine moderne Kriegerkaste anrücken, die in der Gluthitze des Flammenmeers Eisenkarren mit Dynamit in Stellung bringt, um dann, Gewalt gegen Gewalt, das Feuer durch eine Druckwelle zu löschen. Der Gegner ist besiegt, und mit dem Öl sprudelt das Geld. Plainview hat gewonnen.