Als Außenstehender beobachtet man derzeit in Deutschland einen Kulturkampf, wenn nicht sogar einen Weltanschauungskrieg um die Verwendung sogenannter Stammzellen. Der martialisch klingende Vergleich ist nicht zu hoch gegriffen: Einige Gegner des Imports embryonaler Stammzelllinien sind sich nicht zu schade, die Ansichten der Befürworter des Stammzellimports in einem Atemzug mit dem "Dritten Reich" und dessen verbrecherischen Machenschaften zu nennen. Dies geschieht immer dann, wenn alle anderen Argumente ausgegangen sind.

Mit Bedauern stelle ich außerdem fest, dass Vertreter der großen Kirchen die Gelegenheit der Stammzelldebatte nutzen, ihre vielen Gemeinsamkeiten infrage zu stellen und in der ethischen Diskussion eine Sprache zu pflegen, die weit unter dem Niveau ihrer moralischen Ansprüche liegt. Man kann den Eindruck gewinnen, wir befänden uns noch oder wieder im Jahre 2001, als diese Diskussion zum ersten Mal entbrannte. Dabei vergessen die Streithähne, worum es eigentlich heute geht, beziehungsweise worum es nicht geht.

Es geht nicht um die Herstellung oder Verwendung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken. Es geht damit auch nicht um den ideellen Status des menschlichen Embryos und letztlich auch nicht um den Begriff der Menschenwürde. Das Embryonenschutzgesetz soll, trotz anders lautender Hinweise, keinesfalls angetastet werden. Embryonale Stammzellen sind keine Embryonen. Niemals stand zur Debatte, die Forschungsfreiheit könne plötzlich vorrangig vor dem Schutz der Menschenwürde rangieren. Von einer bioethischen Kehrtwende kann also keine Rede sein.

Vielmehr ist allein über die Verschiebung des Stichtages und über die Aufhebung der Strafbewehrung im Stammzellimportgesetz zu entscheiden. Beide Vorhaben sind aus wissenschaftlicher Sicht überfällig. Warum?

Weil die alten Stammzelllinien, mit denen deutsche Wissenschaftler heute arbeiten dürfen, mit tierischen Zellen verunreinigt sind. Weil viele Zellkulturen inzwischen ihre Teilungsfähigkeit eingebüßt haben. Stammzelllinien neueren Datums sind ohne diese Mängel. Abgesehen davon, dass sie im Prinzip auch therapeutisch einsetzbar sind, brauchen wir sie in erster Linie als wichtige Werkzeuge der zellbiologischen Grundlagenforschung. Wer wissen möchte, wie aus einem einzelligen Embryo ein Mensch wird, kann ohne eine so wichtige Schaltstelle wie die embryonale Stammzelle nicht auskommen.

Die Strafbewehrung im Stammzellimportgesetz – deutsche Forscher riskieren Strafverfolgung, wenn sie im Ausland mit Zellen jüngeren Datums arbeiten – stellt die Wissenschaft unter Generalverdacht und trägt zu einer verbreiteten Unsicherheit unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bei, die der Stammzellforschung im Ganzen abträglich ist. Wer würde, angesichts dieser rechtlichen Unsicherheiten, einem jungen Wissenschaftler heute guten Gewissens raten, sich diesem Arbeitsgebiet zu widmen, so zukunftsträchtig es auch immer sein mag? Zu der von den Gegnern der Stammzellforschung befürchteten explosionsartigen Zunahme entsprechender Forschungsanträge ist es in Deutschland nicht gekommen. Leider, muss ich sagen, denn die Stammzellforschung ist eines der vielversprechendsten Felder der Biomedizin. Aber wen wundert diese deutsche Zurückhaltung, bei dieser Gesetzeslage.

Die Entwicklungen haben sich in den vergangenen Monaten überschlagen

Die Existenz neuer, international standardisierter Zelllinien, um deren Import es jetzt geht, reduziert den Druck, immer neue Zelllinien herzustellen und dabei immer neue Embryonen zu zerstören. 2001 konnte man noch argumentieren, dass neue Zelllinien in größerer Zahl gebraucht wurden, weil die damals existierenden Linien vergleichsweise unvollkommen waren. Dies ist heute nicht mehr der Fall.