Bevor Brünnhilde im ersten Aufzug der Götterdämmerung von Siegfried überwältigt wird, zeigt sie ihm den Ring an ihrer Hand, darauf vertrauend, dass der sie schützen werde - doch Siegfried reißt ihn herunter. Hier kommt seine rohe, nackte Brutalität zum Vorschein - er sich zeigt als unmenschliches Monster.

Ist Wagners Siegfried somit wirklich ein arischer Held, eine protonazistische, pseudonietzscheanische blonde Bestie? Tatsächlich gibt es bei ihm eine natürliche, "unschuldige" Aggressivität so wie es seine an Mime gerichteten Worte im zweiten Aufzug des Siegfried zum Ausdruck bringen: "Das eklige Nicken / und Augenzwicken, / wann endlich soll ichs / nicht mehr sehn, / wann werd ich den Albernen los?" Ist dies nicht der elementarste Widerwille, den das Ich empfindet, wenn es sich dem eindringenden Fremdkörper ausgesetzt sieht? Man kann sich problemlos einen Neonazi-Skinhead vorstellen, der beim Anblick eines heruntergekommenen türkischen Gastarbeiters genau diese Worte benutzt.

Man sollte jedoch nicht vergessen, dass in Wagners Ring des Nibelungen (dirigiert von Marek Janowski, BMG) die Quelle alles Übels nicht Alberichs fatale Entscheidung in der ersten Szene des Rheingold ist.

Lange vorher brachte Wotan die natürliche Ordnung aus dem Gleichgewicht. Alberichs Macht und die Aussicht auf das "Ende der Welt" sind letztlich Wotans eigene Schuld, eine Folge seines ethischen Scheiterns. Wotans Wahl war ethisch gesehen schlimmer als die Alberichs: Alberich sehnte sich nach Liebe und wandte sich erst der Macht zu, als er von den Rheintöchtern grausam abgewiesen wurde. Wotan dagegen wählte die Macht, nachdem er die Früchte der Liebe genossen hatte und ihrer überdrüssig geworden war. Außerdem verwandelt sich Wotan nach seinem moralischen Scheitern in der Walküre in den "Wanderer" eine Figur des Ewigen Juden.

Dies untergräbt die antisemitische Perspektive, derzufolge die Störung letztlich immer von außen kommt: Für Wagner ist der äußere Eindringling (Alberich) lediglich die externe Wiederholung eines immanenten Widerspruchs (Wotans). Frei nach Brechts "Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank" könnte man sagen: "Was ist der Rechtsbruch eines armen Juden, der das Gold raubt, gegen die Gewalt der Rechtsgründung des Ariers Wotan?"

Aus dem Englischen von Bettina Engels