Die wenigsten Chefredakteure heißen Hegel, dessen Vorrede zur Phänomenologie des Geistes ebenso bedeutend ist wie das Werk selber. Sie lieben es, Editorials zu schreiben und sich selber dabei abzubilden. Frau J. vom Feinschmecker sieht seit Jahr und Tag verlockend aus, ihre Locken ergrauen nie, Herr O. vom stern trägt immer dasselbe Hemd, und Herr B. von Chrismon lächelt den Leser an, als wollte er ihm die Nase abbeißen. Editorial soll wichtig klingen, dabei ist ganz unklar, wer es außer den Verfassern braucht. Ich selber lese Editorials nie, weil ich mich imstande fühle, das Heft auf eigene Faust durchzublättern – auch ohne den Hinweis auf die geniale Komposition dieser überaus gelungenen Nummer. Schon gar nicht mag ich es, wenn ich als "lieber Leser" angequatscht werde. Leser sind nicht lieb, jedenfalls die guten nicht. Wer durchaus glaubt, einleitend etwas sagen zu müssen, könnte "Zum Geleit" darüber setzen. Das hätte etwas leicht Gravitätisches, dem dann auch eine gewisse gravitas folgen müsste. So aber weiß der kundige Leser: Was sich Editorial nennt, kann er folgenlos übergehen. Ulrich Greiner

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