Doch solche Konzessionen vermögen jetzt niemanden zu besänftigen. Im Gegenteil, vielen erscheinen Pompidous Worte als eine Bestätigung für die Legitimität des Protests. Damit aber sieht sich auch die etablierte Opposition in der Pflicht: Schon haben die großen Gewerkschaftsverbände zu einem 24stündigen Generalstreik aufgerufen.

Jetzt streiken auch die Mädchen aus dem Crazy Horse

Am 13. Mai, einem strahlenden Frühlingstag, sind Hunderttausende auf den Beinen. Schwarze und rote Fahnen vermischen sich, erstmals agieren antiautoritäre Neue und orthodoxe Alte Linke gemeinsam. Aber von Einigkeit kann keine Rede sein. Die Parole »Studenten, Lehrer und Arbeiter zusammen« beruht auf einem Trugschluss. Zwar zeigen sich auch Professoren solidarisch, und Gewerkschafter bekunden ihre Sympathie, doch die Interessen all derer, die nun demonstrieren, sind nicht identisch, und ihre gemeinsame Überzeugung, zehn Jahre Gaullismus seien genug, reicht letztlich nicht weit.

Schon das Stück des Weges, das die beiden Formationen zusammen marschieren, von der Place de la République zur Place Denfert-Rochereau, erweist sich als schwierig genug. Dort angekommen, gehen die einen brav heim, die anderen – es sind jetzt nur noch ein paar Tausend – machen sich auf zur wiedereröffneten Sorbonne, die sie in der Nacht besetzen. Hier richtet sich die Revolte ein: als akademische Räterepublik.

Zwar bleibt Frankreich an diesem Tag von einem Stillstand weit entfernt, aber das Signal für ein massenhaftes Aufbegehren gegen die Kräfte des Konservatismus ist damit gegeben. Vielerorts beginnen wilde Streiks, und binnen einer Woche legt eine Welle von Fabrikbesetzungen große Teile der Wirtschaft lahm. Nochmals ein paar Tage später sind sieben Millionen Franzosen im Streik, drohen die Städte im Chaos zu versinken, funktionieren weder Telefon noch Post noch Müllabfuhr. Die Pariser horten Benzin, und im Crazy Horse Saloon bleiben die Stripperinnen in ihren Kleidern.

Just in diesem Moment kehrt Daniel Cohn-Bendit Paris den Rücken. In West-Berlin lässt er sich als »neuer Danton« feiern. Was der erklärte Gegner der orthodoxen Parteikommunisten (wie überhaupt des real existierenden Sozialismus) seinen theoriebegeisterten deutschen Freunden bei dieser Gelegenheit verkündet – dass es nämlich auch im Spätkapitalismus möglich sei, die Arbeiterschaft für eine Revolution zu mobilisieren –, das suchen seine französischen Genossen zur selben Zeit zu praktizieren: indem sie die Heroen der »befreiten« Betriebe darüber belehren, dass es um mehr gehe als um Löhne und Arbeitszeiten. Oft genug freilich bleiben den jungen Linken die Werkstore auf Weisung der kommunistischen Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre verschlossen.

Ungeachtet der großen Krise ist Präsident de Gaulle am 13. Mai zu einer Staatsvisite nach Rumänien geflogen, und seit seiner vorzeitigen Rückkehr am 18. Mai versucht der General zu taktieren: »La réforme oui, la chienlit non« , lautet seine polemisch-verächtliche Formel – so viel wie »Reformen ja, Saustall nein«. Am 24. Mai meldet er sich über Funk und Fernsehen endlich zu Wort. Zwar bekundet er die Bereitschaft, ein Referendum auf den Weg zu bringen, das eine Reform der Hochschulen und eine Erneuerung des Landes befördern soll. Aber seine vagen und stockend vorgetragenen Worte finden kaum ein Echo – außer auf der Place de la Bastille, wo ihm 25000 Demonstranten, darunter viele kommunistische und linkskatholische Gewerkschafter, ein empörtes »Nein!« und »Adieu, de Gaulle!« entgegenschleudern. Eine militante Minderheit versucht sogar, die Börse niederzubrennen.