Die acht großen Blätter, die Jim Rokakis auf seinen Schreibtisch legt, könnten medizinische Schautafeln sein, die den Verlauf einer Masernerkrankung zeigen. Ein weißes Gesicht, auf dem sich rote Punkte ausbreiten. Doch das Gesicht auf diesen Seiten gehört der Stadt Cleveland. Es sind Pläne der Stadt im Nordosten der USA, die man durchblättern kann. Von Cleveland im Jahr 2000 bis zu Cleveland im Jahr 2007. Immer mehr Punkte. Von Jahr zu Jahr.

Der Stadtkämmerer Jim Rokakis hat die Punkte eingetragen. Jeder steht für ein mit Brettern zugenageltes Haus. Zwangsgeräumt, weil die Hausbesitzer ihre Hypotheken nicht mehr zahlen konnten. Tote Zellen der Stadt. Allein 2006 kamen in dem Bezirk, zu dem Cleveland gehört, 13610 neue Punkte dazu. 23 Prozent mehr als im Jahr zuvor, mehr als in jeder anderen Stadt in den USA.

Rokakis hat diese Karten schon oft gezeigt. 2000 der regionalen Notenbank in Cleveland, weil sie verantwortlich für die Regulierung der Banken ist. 2001 dem Gouverneur seines Staates, weil er verantwortlich für das Wohlergehen von Ohio ist. 2006 und 2007 dem Senat in Washington, weil er die Oberaufsicht hat. "Aber meinen Sie, das hätte jemanden interessiert?" In Amerika dehnte sich gerade jene Immobilienblase aus, deren Platzen inzwischen zu einer weltweiten Kredit- und Bankenkrise geführt hat. Doch von einer Blase wollte damals niemand etwas wissen. Die einzige Reaktion bekam Rokakis von der Notenbank. Sein großer grauer Schnurrbart bebt, wenn er davon berichtet. "Die hat getan, was sie immer tut: Na da machen wir doch mal eine Konferenz. Und damit war das Thema vom Tisch."

Heute ist die Frage: Wer war schuld an der Immobilienkrise in Amerika, am Debakel der massenhaft verkauften Hypothekenkredite, die so schlecht abgesichert waren, dass sie früher oder später platzen mussten? Frank Jackson, der Bürgermeister von Cleveland, hat seine Antwort darauf schon gefunden. Er sitzt zwei verschneite Straßenkreuzungen weiter, am zugefrorenen Eriesee, in seinem großen Büro vor dem Kamin. Auf dem Schreibtisch eine 28-seitige Klageschrift. Frank Jackson will es mit der Wall Street aufnehmen. Am 10. Januar hat er eine Klage gegen 21 Investmentbanken eingereicht.

28 Jahre alt und eine Million Dollar Schulden

Jackson sagt, dass die Wall-Street-Banken den Kreditverleihern aus Cleveland die Hypotheken jahrelang aus den Händen gerissen hätten, ohne sich darum zu scheren, wie sie zustande kamen. Wären sie sorgfältiger vorgegangen, dann sähe seine Stadt, dann sähe Amerika, ach, dann sähen die gesamten Weltmärkte heute anders aus. Dann hätte die amerikanische Notenbank die Leitzinsen vor ein paar Wochen nicht von 4,25 auf 3 Prozent senken müssen, um die großen Verluste der Wall-Street-Banken mit billigem Geld aufzufangen. Dann müsste der Washingtoner Senat jetzt keine milliardenschweren Hilfspakete auflegen. "Wenn es der Wall Street gut geht, dann verbietet sie sich jede Einmischung durch die Politik", sagt Jackson. "Aber wenn sie in Schwierigkeiten ist, dann lässt sie sich gern aus der Klemme helfen."

Ganz vorn in Jacksons Klageschrift steht die Deutsche Bank, 60 Wall Street, New York. Über 4750 Häuser hat diese in den vergangenen vier Jahren in Cleveland räumen lassen. Mehr als jede andere Bank. So ließ die Deutsche Bank im November 2007 das erste Haus von Lakeisha Williams zwangsversteigern. Das zweite kam am 17. Januar 2008 unter den Hammer. Die Gerichtsbriefe für das dritte Haus schickt die Post seit Ende des Jahres an den Absender zurück, "Adressat unbekannt verzogen."

Lakeisha Williams sitzt in schwarzer Kunstpelzjacke am Esstisch und kaut müde auf einem blauen Kaugummi. Sie ist 28 Jahre alt, arbeitet als Hilfskraft in einem örtlichen Seniorenheim, und ihre Hypothekenschulden belaufen sich auf knapp eine Million Dollar. Hier im Haus ihrer Mutter gibt es kaum Möbel, der Teppich ist abgewetzt und voller Krümel, auf dem Sofa schläft Williams’ jüngste Tochter. Oma und ein Bruder gucken einen Horrorfilm, im ersten Stock hört man Familienmitglieder streiten. Wenn es Williams hier zu laut wird, geht sie zu ihrer Schwester. Eine eigene Wohnung hat sie nicht mehr. Auch Lakeisha Williams gibt jemandem die Schuld an ihrer Misere: ihrem Makler.