Achthunderttausend verkaufte Exemplare. Das Geheimnis, das den stupenden Erfolg dieses schwierigen und monströsen Buches in Frankreich erklären mag, findet sich auf der Seite 407 der Gallimard-Ausgabe: »Glücklich, dass ich am Leben bin?«, fragt der Ich-Erzähler SS-Sturmbannführer Dr. Max Aue, eben dem Kessel von Stalingrad in einer der letzten Maschinen entkommen. »Das scheint mir ebenso anstößig zu sein wie die Tatsache, dass ich geboren wurde.« Der melancholische Krieger notiert: »Tag für Tag strömten die neuen Verwundeten zu uns herein: sie kamen von Kursk, von Rostov, von Charkov, eine Stadt um die andere von den Sowjets zurückerobert, auch von Kasserine (in Tunesien): ein paar Worte mit den zuletzt Gekommenen getauscht, die mehr sagten als die Wehrmachtsberichte. Diese Wehrmachtsberichte, die man über kleine Lautsprecher in die Gemeinschaftsräume übertrug, sie wurden stets mit der Ouvertüre der Bach-Kantate Ein feste Burg ist unser Gott angekündigt; nur bediente sich die Wehrmacht des Arrangements von Wilhelm Friedemann, des liederlichen Sohnes von Johann Sebastian, der die durchsichtige Orchestrierung seines Vaters mit drei Trompeten und einer Pauke versehen hat…«

Das kultivierte Ungeheuer – das war der gleichsam ideale Feind, der die brillanten Intellektuellen vom Schlage Brassilac, Drieu de la Rochelle, Bénoist-Méchin, Martin du Gard, Cocteau, Céline, freilich auch Funktionäre wie den Chefjudenfänger Bousquet in Vichy und Politiker wie dessen Freund Mitterrand verführte, der nicht zufällig die kühle Härte und die artifizielle Klassizität des Stiles von Ernst Jünger bewunderte… Die gebildete Bestie, die seit dem adligen Quartiergast (hugenottischer Herkunft) in Vercors’ Silence de la mer durch die Literatur geistert, der blonde Heros, den besiegt zu haben der Stolz der Résistance war. Nun endlich der Halbfranzose und Edelboche Max Aue, der seiner geliebten Schwester (verehelichte Baronin Uxkull) gesteht: »Unser Vater war deutsch. Meine Zukunft ist in Deutschland, nicht bei der korrupten Bourgeoisie Frankreichs.«

Der kaum vierzigjährige Jonathan Littell, in Amerika als Sohn jüdischer Eltern geboren, in Frankreich aufgewachsen und inzwischen französischer Bürger geworden, hat ohne Zweifel eine Marktlücke gewittert, als er den Prototyp des empfindsamen Ungeheuers im SS-Übermenschen und mörderischen Todesengel Dr. Max Aue gleichsam genialisierte. Und zugleich aufs Effektivste vulgarisierte. Max Aue liebt nicht nur die Schwester mit einer verzehrend inzestuösen Passion, er ist vor allem (womöglich ebendarum) schwul. Ein heimlicher Exerzit der Neigung, die seit der Ausrottung der homosexuellen Führungsclique der SA am 30. Juni 1934 durch die SS für den Reichsführer Himmler die Todsünde schlechthin. Und dennoch bekennt der Spartaner: »Und so entschloss ich mich, den Arsch voller Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten.«

Das freilich ist so billig wie die SS-Uniformen und Stahlhelme, auf die kein Schwulenkabarett in Paris (oder New York) verzichten konnte. Die Zusammenhänge von Sexualität und Terror sind komplex. Sie sollten der Ausbeutung entzogen sein: siehe Sophies Wahl von William Styron oder den Film Der Nachtportier – beides Paradebeispiele der Beklemmung, die uns heimsucht, wenn sich die Pennäler-Fantasie voller Angstlust des Leidens in den Lagern bemächtigt. Littells Werk gesellt sich dazu. Die Peinlichkeit fördert den Absatz.

Wie reizvoll, nicht nur für die Söhne und Töchter der Kriegs-, Kollaboration- und Widerstandsgeneration, sondern auch für die neugierigen Enkel, die Triumphe der Nazis, die Katastrophe des Reiches und damit auch die Epoche von Vichy durch die Augen des Erzwidersachers Revue passieren zu lassen: des brutalen Ästheten, der die Mechanismen der Vernichtung mit gleicher Hingabe meistert wie die Fugenkunst Johann Sebastian Bachs. Das war es nicht, was der alte Recke Jorge Semprún meinte, als er einst selbst in Buchenwald die deutsche Kultur verteidigt hat. Dennoch, er verschaffte Jonathan Littell den Prix Goncourt (was der Autor mit kühler Arroganz zur Kenntnis nahm). Der große Frankospanier wollte die zimperlich-heuchlerischen Tabus seiner Jury-Genossen außer Kraft setzen. Das ist ihm gelungen.