Wenn er einen weißen Smoking trägt, halten ihn die Menschen für einen Gott. Komplettiert wird die Erscheinung durch weiße Gummistiefel und eine Zigarette im Mundwinkel. So marschierte Lukas Pusch durch Mathare, ein Viertel im Norden der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Mehr als 700.000 Menschen hausen dort in Wellblechbaracken. Das Leben in diesem Slum ohne Kanalisation und Müllabfuhr scheint in Europa beispielhaft für das Elend in Afrika. Und mittendrin Lukas Pusch: »Ich bin dort gefeiert und besungen worden, weil ich so schön bin«, sagt Pusch amüsiert. Der 38-Jährige mit dem kahl rasierten Kopf und den buschigen Augenbrauen ist Künstler: einer von denen, die von ihrer Kunst leben können.

Als Künstler flog Pusch nach Kenia. Zurückgekommen ist er als Entwicklungshelfer, auch wenn er das selbst nie so ausdrücken würde. Weder hat er in Kenia einen Brunnen gebaut noch Geld für Schulen oder Krankenhäuser angeliefert. Seine Entwicklungshilfe nennt sich Slum TV: Lokalfernsehen aus dem Slum, über den Slum, für den Slum. Zwei Wochen lang hat er mit seinen Kollegen, dem Wiener Alexander Nikolic und dem Kenianer Sam Hopkins, 14 interessierten Bewohnern von Mathare gezeigt, wie man Fernsehen macht. In einer kleinen Bibliothek der Mathare Youth Sports Association, einer NGO, die Kinder und Jugendliche für Sport und Bildung zu begeistern versucht, lernten die Slum-Bewohner wie man Interviews führt, Computer und Kameras bedient und Videomaterial schneidet. Während die Teilnehmer mit ihrem Workshop beschäftigt waren, wurden 39 Menschen bei einer Schießerei von der Polizei getötet. Und das nur ein paar Straßen von der Bibliothek entfernt. »Ob es die Leute in dem Slum gibt oder nicht, interessiert niemanden«, sagt Pusch. »Wir werten das Leben im Slum auf, indem wir die Kamera draufhalten.«

Nur mit drei Päckchen Zigaretten täglich ertrug er den Gestank

Seit vergangenem Sommer ist Slum TV auf Sendung. Das Programm besteht aus Reportagen über die Bewohner des Elendsviertels und einer Sitcom, die von einer lokalen Theatergruppe gespielt wird. Gezeigt werden die Beiträge im Internet und auf dem einzigen öffentlichen Platz in Mathare, der groß genug für Vorführungen ist. Einmal im Monat versammeln sich dort Tausende Menschen rund um eine Leinwand, um zu sehen, was ein Busfahrer über seinen Alltag im Slum erzählt oder welche Wendung die Sitcom mit dem korrupten Pfarrer, der so gerne mit jungen Frauen flirtet, in der neuesten Folge nimmt.

Eigentlich reiste Pusch im April 2006 nur aus einem Grund nach Nairobi: um in einer Gruppenausstellung mit hundert anderen Europäern seine Bilder zu zeigen. Danach spazierte er drei Tage lang durch den Slum. Seine Mission: zu zeigen, dass ein Weißer in Kenia auf einfache Bilder reduziert wird. Egal, welche Kleidung er trägt oder welche Sprache er spricht, er soll entweder als »Arzt ohne Grenzen« helfen oder sich als Safari-Tourist im Fünfsternehotel verwöhnen lassen. Andere Erwartungen habe man im Slum gegenüber dem westlichen Besucher nicht, meint Pusch.

Heute sitzt der Künstler in der Galerie Konzett in der Spiegelgasse im ersten Wiener Gemeindebezirk und schaut auf die Wand mit den Fotos, auf denen er im weißen Smoking zu sehen ist. Er schüttelt Kindern die Hände oder betrachtet gelangweilt die Leiche eines jungen Mannes, die im Dreck neben der Straße liegt. Dekadent und gönnerhaft sieht er darauf aus, wie ein moderner Kolonialherr. Dabei macht Pusch nichts anderes, als sich selbst so darzustellen, wie er ist: »als weißen Mitteleuropäer aus gutem Haus, der nicht hilft.« Der moralisierende Zeigefinger stinkt ihm, mehr noch als der Slum, dessen Gestank der Nichtraucher nur mit drei Packungen Zigaretten pro Tag ertragen konnte.

Ihm gehe es in diesen Bildern nur um die Ästhetik, die Farben, die Bildkomposition. Und um Ironie. Die Rolle des barmherzigen Samariters überlässt Pusch anderen. Trotzdem hat ihn der Slum nicht kalt gelassen: »Diese Menschen kommen in den kenianischen Medien nicht vor, höchstens als Terroristen.« Mit Slum TV hat er ihnen ein neues Gesicht gegeben. Das von Vinick, David oder Fred: junge Männer und Frauen, die selbstbewusst vor der Kamera stehen und beispielsweise über ein neues Fitnesscenter in Mathare berichten und dabei stolz die modernen Trainingsgeräte präsentieren. Oder die alte Frau, die auf offener Straße gebratene Kartoffeln und Würstchen verkauft, um die Schulgebühren für ihre Kinder bezahlen zu können. Keine Toten, keine Straßenkämpfe, kein Chaos, sondern nur den Alltag im Slum zeigt dieses Community-Fernsehen. Von den Unruhen seit den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Dezember ist auf Slum TV keine Rede, auch nicht von den rund 1.000 Menschen, die dabei ums Leben gekommen sind. »In Mathare bist du schnell tot«, sagt Pusch. »Die Mitarbeiter müssen selbst entscheiden, ob sie sich trauen, gewisse Dinge zu zeigen. Wir fliegen ja wieder weg. Sie leben weiter im Slum«. Pusch ist vorsichtig geworden. Seit seiner Kindheit weiß er, wie gefährlich es sein kann, sich einzumischen.