Giacomo Casanova (1725 bis 1798) plauderte gern über seine Fingerlängen und sah sich gut bestückt: »Meine Hand ist so geformt wie die aller Abkömmlinge Adams – der Zeigefinger ist kürzer als der Ringfinger.« Neuere Ergebnisse der Humanforschung legen einen diskreteren Umgang mit den Fingerlängen nahe. Angeblich verraten sie Eigenschaften wie Aggressivität, homosexuelle Neigungen oder Anfälligkeit für Herzkrankheiten.

Casanovas Beobachtung wurde von Anatomen und Anthropologen eifrig geprüft. Tatsächlich überragt bei den meisten Männern der Ringfinger den Zeigefinger, während bei Frauen beide Finger oft gleich lang sind. Andere geschlechtsspezifische Merkmale waren allerdings für die Forscher lange Zeit aufregender als geringe Differenzen in der Fingerlänge. Bis vor neun Jahren der englische Anthropologe John Manning einen überraschenden Zusammenhang entdeckte: Je länger bei Männern der Ringfinger im Verhältnis zum Zeigefinger, desto mehr Spermien produzieren die Hoden. Nur eine kuriose Laune der Natur? Als Ursache des Zusammenhangs identifiziert Manning vorgeburtliche Sexualhormone. Sie beeinflussen während der Schwangerschaft das Wachstum des Fötus, seiner Finger und Keimdrüsen.

Wie aber können wenige Millimeter Fingerlängenunterschied bei Erwachsenen jene hormonellen Bedingungen anzeigen, die sie im Mutterleib prägten? »Entscheidend ist, dass die Längenverhältnisse schon vor der Geburt feststehen und sich im Lauf des Lebens nicht mehr wesentlich ändern«, erklärt Manning. Im Mutterleib werde das Wachstum des Ringfingers vom (männlichen) Sexualhormon Testosteron gefördert und das Wachstum des Zeigefingers von Östrogenen. Das Verhältnis der Fingerlängen wäre demnach ein Indikator für den jeweiligen Hormonmix, der den Fötus geschlechtsspezifisch prägt. Viel Testosteron etwa vermännlicht Körper und Gehirnschaltkreise des Fötus. Der Mix aus Testosteron und Östrogenen bestimmt, ob sich ein Penis oder eine Vagina ausbildet und ob das Wachstum der rechten Hirnhälfte auf Kosten der linken gefördert wird.

Aber so bedeutsam vorgeburtliche Hormonwirkungen sind – sie blieben rätselhaft. Denn wer Hormonmengen direkt im Fruchtwasser messen will, riskiert eine Fehlgeburt. Auf einen einfach zugänglichen Indikator wie das Fingerlängenverhältnis hatten Humanforscher nur gewartet. Doch wie verlässlich sind die Daten?

Am besten belegt ist der Zusammenhang von Fingerlängen und sportlicher Leistungsfähigkeit. Hier zeigt sich, dass erfolgreiche Schwimmer, Sprinter, Fußballer, Skifahrer und Fechter im Schnitt längere Ringfinger haben als erfolglose oder Nichtsportler. Bei einem Wettrennen sollte Fingerforscher Manning aus den Fingerlängen lesen, in welcher Reihenfolge fünf Läufer das Ziel erreichen. Seine Vorhersage war fast perfekt – nur Platz 3 und 4 waren vertauscht. Ein Erlebnis hat den fußballbegeisterten Manning jedoch am meisten beeindruckt: Auf einer Gala mit Sportlegenden begegnete er den Fußballstars seiner Kindheit und entdeckte, dass einige »unglaublich lange Ringfinger« hatten.

Die Ergebnisse zur sexuellen Orientierung widersprechen sich

Lässt sich also an zwei Fingern abzählen, wie sportlich und fit, aggressiv, sexuell aktiv, fruchtbar, hetero- oder homosexuell, attraktiv, sensationshungrig, neurotisch, musikalisch, mathematisch begabt und selbstbewusst jemand ist? Ob er gar zu Autismus neigt, Schizophrenie, Depression, Leseschwäche, Stottern, Herzinfarkt und Brustkrebs?