Das Jahr hat nicht schlecht begonnen für die Arbeitnehmer in Deutschland. Die Piloten bei der Lufthansa bekommen 5,5 Prozent mehr, die Mitarbeiter des Energiekonzerns Vattenfall 3,9 Prozent, Beschäftigte in der Landwirtschaft 3,8, und die Lokführer der Deutschen Bahn haben sich sogar ein Plus von 11 Prozent erkämpft. Letzterem muss nur noch die Gewerkschaftsbasis zustimmen. Dann wäre es der bisher höchste Abschluss im anlaufenden »Mega-Tarifjahr«, wie IG-Metall-Chef Berthold Huber 2008 nennt.

Tatsächlich streiten sich in diesem Jahr die Arbeitnehmer und Arbeitgeber in einigen großen Branchen um das Geld. Und die Ziele der Gewerkschaften sind so hochgesteckt wie lange nicht: 8 Prozent mehr verlangen nicht nur die Arbeiter in der boomenden Stahlindustrie, sondern auch 1,3 Millionen Busfahrer, Krankenschwestern und andere Beschäftigte von Bund und Kommunen. Zwischen 6,5 und 7 Prozent will die Chemiegewerkschaft für ihre Mitglieder, und der Marburger Bund peilt für Krankenhausärzte sogar mehr als 10 Prozent an. Kein Zweifel, geht es nach dem Willen der Gewerkschaften, bringt das »Mega-Tarifjahr« Lohnerhöhungen im XXL-Format. Denn die Stimmung ist fast überall gleich: Nach Jahren mickriger Gehaltserhöhungen trotz sprudelnder Gewinne soll jetzt die Wende kommen. Jetzt, endlich, sollen auch die Arbeitnehmer etwas vom Aufschwung haben.

Ausgerechnet jetzt. Ausgerechnet, da der Schwung in der Wirtschaft schon wieder nachzulassen droht. Da die Furcht umgeht, Finanzkrise und Börsenkrach könnten Amerika in die Rezession stürzen und Europa mit herabziehen. Die Gewerkschaften, warnte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt vergangene Woche, ignorierten die gestiegenen Konjunkturrisiken. Ihre Forderungen seien deshalb »überzogen«, ja »abstrus« und gefährdeten Arbeitsplätze. Dem entgegnete DGB-Chef Michael Sommer prompt, das genaue Gegenteil sei richtig. »Nur eine kräftige Erhöhung der Reallöhne«, verkündete er in einem Interview mit der Zeitschrift Super-Illu , könne »ein Übergreifen der US-Wirtschaftskrise auf Deutschland verhindern«. Es gelte die Binnennachfrage zu stärken.

Stimmt das? Werden Streiks und rote Fahnen über diesen Aufschwung entscheiden – ihn abwürgen oder ihn retten? Wie stark dürfen, wie stark müssen die Löhne jetzt steigen?

Selbst im Boomjahr stieg der Stundenlohn nur um 1,3 Prozent

Die meisten Ökonomen liegen bei diesen Fragen nicht so weit auseinander, wie es die Rhetorik der Tarifakteure nahelegt. Der gängige Maßstab, an dem die Experten Lohnsteigerungen beurteilen, ist der Verteilungsspielraum. Er gibt an, wie stark die Löhne in einer Volkswirtschaft steigen können, ohne dass der Faktor Arbeit teurer wird. Klettern sie deutlich höher, sind Jobs in Gefahr. Der Spielraum entsteht dadurch, dass mehr Güter pro Stunde hergestellt werden und ihr Euro-Wert durch steigende Preise wächst. »Ganz grob gerechnet, kann man im Mittel von etwa drei Prozent Lohnanstieg ausgehen, die beschäftigungsneutral sind«, sagt Roland Döhrn, Leiter der Konjunkturforschung beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen.

Drei Prozent wären eine ganze Menge für die nicht eben verwöhnten deutschen Arbeitnehmer. In den vergangenen Jahren wurde dieser Spielraum oft nicht ausgeschöpft. Selbst im Boomjahr 2007 stieg der durchschnittliche Stundenlohn nur um magere 1,3 Prozent. Zwar lagen etliche Tarifabschlüsse, etwa in der Metallindustrie, deutlich höher. Aber erstens blieb der tatsächliche Zuschlag, auf zwölf Monate berechnet, oft unter den offiziell verkündeten Lohnprozenten, zweitens erhielten viele andere Arbeitnehmer kaum Zuschläge, und drittens kamen neue, schlecht bezahlte Jobs hinzu. Auch das drückt den Durchschnitt.