Ingenieure, die Produkte für fremde Länder entwickeln wollen, müssen deren Kultur verstehen.

Als Henri Randriamanana und seine Kollegen nach zweieinhalb Tagen Fahrt endlich das Dorf im Südosten Gabuns erreichten, wurden sie gleich wieder weggeschickt. "Wir wollen eure Anlagen nicht!", riefen die Bewohner. Die Ingenieure von Siemens hätten vorher einen Boten schicken und den Dorfältesten um Erlaubnis fragen müssen, wie es die Sitte verlangt.

Die Entschuldigung übernahm der Vize-Energieminister Gabuns persönlich, da er zufällig aus dem Dorf stammte. Sechs Monate später durften die deutschen Ingenieure zurückkehren und das Dorf "elektrifizieren", wie es in der Fachsprache heißt: Sie installierten eine solarbetriebene Stromanlage, die es in dem Ort zum ersten Mal möglich machte, Lampen, Kühlsysteme und eine Wasserwiederaufbereitungsanlage zu betreiben.

Rückblickend muss Henri Randriamanana lachen über die Anekdote. Sie illustriert, was schiefgehen kann, wenn man die Etikette in fremden Ländern nicht beachtet. Der 46-Jährige stammt aus Madagaskar, kam mit 22 nach Deutschland und studierte hier Elektrotechnik. Seit 1991 arbeitet er bei Siemens, heute im Sektor Energie, der Produkte zur Erzeugung und Verteilung von Strom, Öl und Gas anbietet. In Gabun half Randriamanana von 2001 bis 2007 dabei, rund 100 Dörfer mit Solarstromtechnik auszustatten. Das Geld dafür kam von der Regierung Gabuns.

Fernab der Heimat zu arbeiten und Technik für fremde Länder zu konstruieren – das ist für viele deutsche Ingenieure inzwischen normal. Sowohl kleine und mittelständische Firmen als auch Großunternehmen wie Siemens verkaufen weltweit.

Selten entwickeln Firmen ein völlig neues Produkt für ein bestimmtes Land. In der Regel wird die Standardversion eines Bauteils oder einer Maschine für neue Märkte angepasst. Auch die neuen Solarstromanlagen von Siemens wurden nicht ausschließlich für Gabun konstruiert. Sie sollen langfristig weitere Märkte erschließen. Die Entwicklungs- und Schwellenländer in Afrika, Asien und Südamerika gelten als die Märkte der Zukunft.

Um im Ausland erfolgreich zu sein, braucht es Ingenieure, die sich auf internationalem Parkett bewegen können. Internationalität und interkulturelle Kompetenz lägen deshalb "hoch im Kurs", sie zählten zu den Schüsselqualifikationen für Ingenieure in fast allen Berufsfeldern, heißt es beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI).

Für Absolventen sei es obligatorisch, Auslandssemester oder -praktika und Fremdsprachenkenntnisse und damit Internationalität vorweisen zu können. Und auch kulturelle Kompetenz kann man sich aneignen. Man dürfe bei der Entwicklung eines Produktes nicht den Fehler begehen, eigene Vorlieben und Gewohnheiten zum Maßstab zu machen, sagt Brit Meier, 43, Entwicklungsleiterin der Abteilung Röntgenröhren bei Philips Health Care in Hamburg.