Friedrich von Metzler ist ein großer Förderer des Gemeinwohls und wohl der angesehenste Bürger seiner Heimatstadt Frankfurt. Seit 334 Jahren führen die Metzlers ihr Bankhaus, der heutige Chef ist seit 1971 am Ruder. Auf eines war der Bankier lange stolz. »Wir haben nie als deutsches Haus deutsche Privatanleger ins Ausland bewegen wollen«, sagte er im Juli 2007 in einem Interview der ZEIT. »Nicht umsonst sind wir eine der wenigen deutschen Banken, in denen noch nie eine Steuerfahndung stattgefunden hat.«

Am Montag geschah es dann doch. Beamte der Steuerfahndung durchsuchten die Räume des Bankhauses und die Niederlassung in München. Sie hatten Hinweise darauf, dass Kunden der Bank ihre Steuerpflicht verletzt haben. Deren Namen hatten sich unter den tausend Datensätzen auf jener DVD befunden, die der Bundesnachrichtendienst für 4,2 Millionen Euro gekauft hat. Auf der Silberscheibe sind umfangreiche Informationen über Stiftungen deutscher Anleger im Steuerparadies Liechtenstein gespeichert. Sie stammen aus dem Bankhaus LGT Group, einem Geldinstitut im Besitz der Fürstenfamilie, und wurden von einem früheren Mitarbeiter 2002 entwendet.

Nun rollt eine Fahndungswelle über Deutschland. Der Auftakt war die Durchsuchung bei Postchef Klaus Zumwinkel. Ihm wirft die Bochumer Staatsanwaltschaft vor, mit einer Stiftung namens Devotion Steuern in Höhe von einer Million Euro hinterzogen zu haben. Zumwinkel soll ein Geständnis abgelegt haben, heißt es. Nachdem er eine Sicherheit gestellt hatte, wurde er auf freien Fuß gesetzt. Er verlor aber seine Ämter als Post-Vorstand und Oberkontrolleur der Deutschen Telekom.

Steuerfahnder und Staatsanwälte durchsuchten inzwischen zahlreiche Privathäuser und etliche Banken. Insgesamt sollten allein im Laufe dieser Woche 125 Razzien stattfinden. Überdies gingen bei den Finanzbehörden eine Reihe von Selbstanzeigen ein. Weitere werden erwartet.

Nach dem Fall Zumwinkel schwappte ein Entrüstungs-Tsunami über die Republik. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil attackierte die »neuen Asozialen der Gesellschaft«. Politiker aller Parteien bekundeten ihren Abscheu, und die Wirtschaftsgrößen mochten da nicht zurückstehen. »Wer gegen die Spielregeln verstößt, stellt sich gegen die Wirtschaft«, befand Industriepräsident Jürgen Thumann ungewohnt kategorisch. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages Ludwig Georg Braun schrieb den Mitgliedsfirmen, sie sollten klarstellen, »dass Steuerhinterziehung und Bereicherung zulasten der Gemeinschaft der Steuerzahler oder zulasten des eigenen Betriebs bei Ihnen keinen Platz hat«. Manager müssten Vorbilder sein, und Steuerhinterziehung sei »tabu«, dekretierte auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Das war in seinem eigenen Haus auch mal anders.

Das Modell Liechtenstein ist keiner Partei so vertraut wie der CDU

Scheinheilig mutete die erste Einlassung der Bundeskanzlerin an. Der Fall Zumwinkel sei »jenseits dessen, was ich mir habe vorstellen können«, sagte Angela Merkel. Geld in Liechtenstein – unvorstellbar? Die CDU hatte über viele Jahre Parteivermögen in dem Fürstentum gebunkert. Norfolk hieß die Stiftung, die in den achtziger Jahren von den Helfern des damaligen CDU-Schatzmeisters Walther Leisler Kiep eingerichtet wurde. Bis 1992 unterhielt die Partei diese Stiftung – und auch zwei geheime Konten in der Schweiz, über die Millionenbeträge außerhalb des legalen Rechnungswesens nach Deutschland zurückgeschleust wurden. Die Hessen-CDU brachte 1993 viele Millionen in einer Liechtensteiner Stiftung namens Zaunkönig unter. Das von dort in die Parteikasse zurückfließende Geld deklarierte sie teils als »jüdische Vermächtnisse«. Die Vorgänge trugen dem früheren Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) 2007 eine Verurteilung wegen Untreue ein.