Sechs Tage bevor Guna Gopal die Stadt seiner Träume verlässt, gescheitert, aber nicht gebrochen, steigt er an der Al Quidda Road in ein Taxi. Die Luft drinnen ist kühl und rein. Noch nie hat Gopal in einer klimatisierten Limousine gesessen, auf cremefarbenen Sitzen, vor einem Armaturenbrett aus glänzend lackiertem Holz. Er verharrt still, als kämpfe er gegen den Drang, wieder auszusteigen – als müsse er sich selbst noch überzeugen, dass er, ein Mensch zweiter Klasse, hier sitzen darf. "Zum Al-Baraha-Krankenhaus", sagt er in brüchigem Englisch.

Er ist Inder, 25 Jahre alt, mit einem schmalen Gesicht, das nicht gesehen werden will. Es sagt: Eigentlich bin ich gar nicht da. Gewöhnlich ist Gopal in dem arabischen Emirat Dubai in einem Kleinbus unterwegs. Sein Platz ist in der Hitze, in den Ausdünstungen der Leiharbeiter von Speed Cleaning Co. L.L.C. Die Firma karrt sie morgens an ihre Arbeitsstätten, die meisten zu Hotels, auch Gopal. Abends werden sie in Baracken hinter der Stadtgrenze verfrachtet wie Leergut.

Gopal ist einer von mehr als einer Million ausländischen Arbeitern in Dubai, der Wüstenwunderstadt am Persischen Golf, in der nur 200.000 Einheimische leben. Ein Ort der Superreichen und der wahnwitzigen Investmentprojekte.

Mit dem Öl ist in den siebziger Jahren Geld über das Emirat gekommen wie eine Naturgewalt. Seitdem ist Dubai eine Hoffnung der Armen, bis zu deren Hütten die Segnungen des weltweiten Wirtschaftsbooms nicht reichen. Die meisten sind Inder, wie Gopal. Es sind auch Pakistaner darunter, Bangladescher, Indonesier, die meisten sind junge Männer aus Südasien. Kein Land zieht sie so an wie die Vereinigten Arabischen Emirate. Dort verdingen sie sich für Jahre, müssen gefährliche Arbeit tun. Auf wackligen Baugerüsten, zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, oft bei 40 Grad Celsius. Sie riskieren die Ausweisung, wenn sie den Job wechseln. Müssen sich freikaufen von ihren Firmen, wenn sie das Land vorzeitig verlassen wollen. Immer sind es andere, die über ihr Leben bestimmen. Moderne Sklaven. Die neue globale Unterschicht.

"Zum Al-Baraha-Krankenhaus?" Der Taxifahrer mustert Gopal, nickt. Der Mann ist Pakistaner. Gopals Zukunft hier ist auf ein paar Tage und eine letzte Prüfung geschrumpft. Er hat einen Auftrag. Der ist zu groß, um zu Fuß zu gehen; mit dem Bus käme Gopal nie an. Vor zwei Monaten starb sein Cousin Karuna in Dubai bei einem Arbeitsunfall. Der stille, ernste Karuna, 27 Jahre alt, er hatte in Indien im selben Dorf gelebt. Karuna Ramaswamy, eingereist am 5. März 2007, gestorben am 4. April, Einreiseerlaubnis 261 5668/201. Hier war er Stahlbinder, Bauarbeiter. Von einem Lastwagen überrollt.

Wie konnte das geschehen? Ständig ruft die Familie bei Gopal an. Sie will auch wissen, wo die Entschädigung bleibt. Die Baufirma hat versprochen, 200.000 Dirham zu zahlen. So viel ist ein Leben in Dubai wert, 40.000 Euro. In Indien ein Vermögen. Aber die Firma wiegelt ab. Sie müsse auf eine Gerichtsentscheidung warten. Nun macht sich Gopal für die Familie auf die Suche nach Antworten. An diesem Tag wird er aufhören, ein stummer Inder zu sein. Er wird sich nichts mehr gefallen lassen, stellvertretend für alle Ausgebeuteten. Sein Zorn ist die Wut aller Gastarbeiter. Er wird Gerechtigkeit fordern für den toten Cousin.

Vor den Fenstern liegt Deira, das Zentrum. Graue Neubauten. Ein Niemandsort, gepeinigt von glühendem Wind. Für Gopal ist Deira schön. Weil in den Straßen niemand drängelt und hupt. Weil Ordnung herrscht und trotzdem Bewegung. Die Stadt dehnt sich, wächst zum Meer und nach Süden. Schießt in die Höhe, ein Gebirge aus Wolkenkratzern. Als Gopal im März 2006 ankam, sah er vom Flugzeug aus Hochhäuser und glitzernden Sand. Große Gebäude gibt es auch in Chennai im Süden Indiens, der einzigen Metropole, in der Gopal jemals zuvor war. Sein Dorf liegt tausend Kilometer südlich. In Dubai sind die Häuser höher. Sie schimmern wie Schmuck, als wären sie nur um der Schönheit willen gebaut.

Gopal blickte aus dem Flugzeugfenster und dachte an Geld. An die 80.000 Rupien, umgerechnet 1600 Euro, die er dem Agenten in Indien für Visum, Flugticket und Vermittlung eines Jobs gezahlt hatte. Er wusste nicht, wie viel er verdienen würde, aber er hoffte, die Schulden in ein paar Jahren abzutragen. Er wusste nicht, dass den Armen kaum etwas bleibt von dem Reichtum, den sie vermehren. Am Tag der Ankunft war Gopal überzeugt, dass er in dem Glänzen und Leuchten da unten die eigene Zukunft sah.

Er kommt aus dem Dorf Ithampadal in Tamil Nadu, Südindien, seine Vergangenheit hat die Farbe von Staub. Sie liegt im flachen Küstenland, 1000 sonnenverbrannte Hütten aus roten Ziegeln. Eine einzige geteerte Straße, ein Brunnen, ein Teich mit lehmigem Wasser, an dessen Ufer die Frauen Wäsche waschen. 3000 Menschen, sie leben von Reisanbau. Ihre Not ist eine Laune der Natur, wie Dubais Reichtum.

Es gibt noch ärmere Dörfer in Indien. Es gibt ärmere Familien als Gopals. Alle im Dorf gehören zur Kaste der Kuh- und Schafzüchter. "Meine Bestimmung ist low level, niedrig", sagt Gopal und lacht. Es ist ein seltsames, stolzes Lachen. Jeder Mensch muss sich seinem Schicksal fügen, Gopal findet diese Idee nicht erniedrigend. Seine Bestimmung ist ein Ort, an dem er sich geborgen fühlt. Er trägt ihn immer bei sich. In Dubai putzt Gopal Hotelzimmer. Er hat Arbeit, während sie zu Hause den ganzen Sommer nichts tun und auf Regen warten.