Jetzt, im Taxi, blickt Guna Gopal in trübes Morgenlicht. Es kündigt qualvolle Hitze an. Dies ist sein letzter freier Tag, bevor er heimfliegt nach Indien. Seinen Chef hat er angelogen, er heirate, dabei flieht er. Er verdient lediglich 450 Dirham im Monat, 100 Euro. Nie könnte er genug sparen, um zu Hause ein besseres Leben zu führen. Dank der Trinkgelder hat er seine Schulden jetzt schon zurückgezahlt. Er hat mit Dubai eine Rechnung offen, nicht nur wegen seines Cousins Karuna.

Vor einem weitläufigen, ockerfarbenen Gebäude steigt er aus, dem Al-Baraha-Krankenhaus im Norden von Deira. Nach dem Unfall brachte die Polizei Karuna hierher, er lebte noch. Gopal läuft geradewegs auf einen Inder zu, der weist ihm den Weg. Gopal trifft überall Inder, sie helfen ihm. Auch Pakistaner, Bangladescher. Die Ausgestoßenen sind eine Gemeinschaft. Wenn es sich vermeiden lässt, spricht Gopal mit niemandem sonst.

"Thank you, Sir. Thank you, Sir." Mit diesen Worten duckt sich Gopal vor allen anderen, auch wenn es gar nichts zu danken gibt. In der Klinik erkennt ihn jeder als Diener, er müsste nicht mal die schwarze Hose tragen, das weiße Hemd. Die Uniform aus dem Fünfsternehotel. Er hat sie ausgeliehen, obwohl das verboten ist. Gopal besitzt nur abgewetzte T-Shirts. Am Vorabend ist er in Uniform durch das Hotelfoyer gelaufen, vorbei am Springbrunnen, den Ledersofas, den dunklen Anzügen, der schamlos hellen Haut. Gopal, schon in Kampflaune, nahm ausnahmsweise nicht den Dienstbotenausgang. Er verließ diesen Ort der Herablassung durch die Vordertür.

Am Tag des Unfalls rief ihn ein Verwandter an, er arbeitet beim Sicherheitsdienst des Krankenhauses. "Karuna ist hier", sagte er. Gopal hatte den Cousin in Dubai noch nicht getroffen. Sein Körper war leblos, Schläuche ragten aus Nase und Mund. Gopal ging nach draußen, um mit dem Handy Karunas Eltern anzurufen. "Er hatte einen Unfall. Es ist ernst", sagte er. Zwei Tage später war Karuna tot. Gopal kam wieder, sie schickten ihn in die Leichenhalle. Er blickte auf das junge Gesicht und weinte. Als Kinder hatten sie zusammen Kricket gespielt.

Auf einmal stand ein Asiate neben ihm. Im Anzug, ein Mann aus der Welt des Fünfsternehotels. Er sah nicht durch Gopal hindurch. "Wie viele Schwestern hat Karuna?", fragte er. "Hat er auch einen Bruder?" – "Er hat zwei Schwestern, aber er ist der einzige Sohn." Der Asiate schien zu verstehen. Was es heißt, wenn eine Bauernfamilie in Indien den Sohn verliert, die wichtigste Einkommensquelle. Sie ist vernichtet. Der Mann berührte Gopal an der Schulter. "Mach dir keine Sorgen." Er arbeite für Karunas Firma. "Wir sind ein japanisches Unternehmen, die Shimizu Corporation. Die Familie erhält eine Entschädigung. Dafür sorgen wir." – "Thank you, Sir. Thank you, Sir" , sagte Gopal.

Jedes Jahr sterben in Dubai viele Hundert ausländische Bauarbeiter. Das hat die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch öffentlich gemacht. Im Jahr 2004 zählte sie 880 Todesfälle, das sind die neuesten Zahlen. Niemand sorgt sich um die Sicherheit der Arbeiter. Die Gesetze zu ihrem Schutz sind dürftig und werden selten angewandt. Oft betrügen die Firmen sie auch noch um ihr Geld. Am schlechtesten behandelt werden jene, die als Touristen illegal eingereist sind, nach offiziellen Angaben kamen so 300.000 Arbeiter ins Land. Jeder Tote ist eine matte Stelle auf Dubais Glanz. Er befleckt den Traum, den die Stadt an Investoren verkauft.

Nach der Begegnung in der Leichenhalle lief Gopal zur Shimizu Corporation, sie hat ein Büro an der Khalid Bin Walid Road. Gopal drang nur bis zum Pförtner vor. Dreimal hat er seitdem dort angerufen. Am Ende wurde er nicht mal mehr durchgestellt. "Sie haben keinen Respekt vor mir", empört er sich. Ein unglaublicher Satz für einen Inder.

In der Notaufnahme des Al-Baraha-Krankenhauses trifft er eine Ärztin. "Karuna?" Sie erinnert sich sofort. "Ein ungewöhnlicher Fall. Schwere innere Blutungen. Wir hängten ihn an die Lungenmaschine, fünf Ärzte, wir blieben bis nach Dienstschluss. Erstaunlich, welche Schmerzen der ausgehalten hat." - "Die Leber war Pudding", sagt eine Schwester.

Gopal steht da, als warte er auf Anweisungen. Ein Arbeiter taumelt zur Tür herein, benommen. Am Arm führt ihn ein Mann, auf der Jacke der Schriftzug Shimizu. Ein Vorhang wird zugezogen, geht wieder auf. "Nichts gebrochen!", ruft jemand.

"Manche sind tot bei der Ankunft", fährt die Ärztin fort, sie ist Palästinenserin. Ihre Kollegen sind aus Iran, dem Sudan, alle auf der Suche nach einem besseren Leben, wie Gopal es ist. Wie Karuna es war. "Viele verscharren sie in der Wüste. Die ausländischen Arbeiter sind selbst schuld. Sie wollen keine Helme tragen, wie es vorgeschrieben ist."