Gopal schweigt. Er hat nie sein Leben riskiert, er ist Putzmann geworden, sein Glück. Als Putzmann muss man Englisch können. Karuna konnte kein Englisch.

Wieder im Taxi, auf dem Weg ins Zentrum, lacht Gopal. "Karuna kam nach Dubai, weil seine Familie dringend Geld brauchte. Ich bin freiwillig da." Bevor Gopal Indien verließ, lud er Freunde ein, gab ein Fest. Karuna verschwand, beladen mit Pflicht.

"Dubai ist sehr schön", findet Gopal. Er ist Hindu, aber er glaubt nicht an Wiedergeburt. Er glaubt an eine zweite Chance. Vielleicht ist Geld für ihn die wichtigere Religion. Dreimal am Tag betet er zu Vakayadi, dem Gott seines Dorfs, einer Verkörperung Krishnas mit einem Elefantengesicht. Er bittet um die Entschädigung für Karunas Familie. Für sich bittet er um jene Zukunft, die er vom Flugzeug aus sah. Gut bezahlte Arbeit. Ein Haus. Eine Frau, seine Eltern werden die richtige für ihn wählen. Fünf Kinder, vielleicht auch nur zwei. Sie sollen Ingenieure werden oder Ärzte. Die Zukunft ist ein glänzender Gegenstand, nach dem man sich ausstrecken muss.

Das Fairmont Hotel an der Sheikh Zayed Road ist das Symbol für Gopals Aufstieg, 34 Stockwerke, im Erdgeschoss eine Sushibar. Gopal bewegt sich in dieser Welt wie ein Geist. Dreimal klopft er an jede Tür, bevor er es wagt einzutreten, das Zimmer 1700 Dollar pro Nacht. Er bringt Bettlaken, Rasierer, Hautcreme, Peeling, Shampoo, Seife, Badesalz. 26 Gegenstände tauscht er jeden Tag aus, allein zwölf Handtücher. Übertriebener Luxus? "Standard!", ruft Gopal. "Gute Qualität. Gute Arbeit. Nur dann kommen die Gäste wieder."

Solche Sätze hat er in Dubai aufgesaugt. Sie sind wie die Marschbefehle, die er sich selbst erteilt: Weitermachen. Nicht aufgeben. "Meine Arbeit – das bin ich", sagt Gopal, als komme er gerade von einem Motivationstraining. Vielleicht hat die Stadt ihn verändert, mit ihren Lockbildern des Reichtums, ihrem westlichen Leistungsethos. Die fest angestellten Ausländer verdienen dreimal so viel wie er, Filipinos, Indonesier, Inder. Die Zeitarbeitsfirma steckt das Geld ein, das Gopal gehört. Nun will er, was ihm zusteht.

Zwölf Jahre lang hat er eine Dorfschule besucht, aber nie eine Ausbildung gemacht. Schon in Chennai hat er geputzt, war Hausmeister bei einer Cateringfirma, Hilfskoch in einem koreanischen Restaurant. Jetzt wischt er über funkelnde Wasserhähne, schrubbt aus England importierte Wannen, saugt Chaiselongues, poliert Fenster, die bis zum Boden reichen. Sorgt täglich für eine frische Flamingoblumenblüte im Bad. 35 Minuten pro Zimmer, die Schicht immer zehn Stunden, sechs Tage die Woche, der Rollwagen reicht bis an die Brust. Er schiebt ihn über einen dicken Teppich, der nicht nur für die Gäste da ist, sondern auch für ihn, Gopal – der Teppich dämpft seine Schritte, damit er niemanden stört.

An dem Tag, an dem er aufgebrochen ist, um Antworten zu suchen, wagt er sich auch noch zum Hauptquartier der Polizei. Ein ganzer Straßenblock in der Nähe des Flughafens hinter künstlich bewässertem Grün. Vor dem Tor zwei Polizisten, sie sprechen nur Arabisch. "Haram!" , rufen sie, das heißt verboten. Dubai will Gopal nicht. Er spürt das auch jetzt wieder, als er vor den beiden Polizisten steht mit ihren Schnurrbärten und Maschinenpistolen.

Dubai ist ihm verschlossen geblieben. Kein einziges Mal ist Gopal im Kino gewesen. Nie hat er eines der Einkaufszentren betreten, die hier Palästen ähneln. Hat nicht ferngesehen, in seinem Wohnheim ist das untersagt. Ein paarmal hat er Kricket gespielt, auf einer Wiese mit anderen Indern. 15 Monate lang hat er durchgehalten und von einem besseren Leben geträumt. Jetzt nimmt er seine Armut wieder mit nach Hause.

Beim Essen in einem billigen arabischen Lokal rührt Gopal das Brot und die Kichererbsenpaste vor sich kaum an. Das Lokal ist voller Männer in weißen bodenlangen Dischdaschas. Die meisten rauchen Wasserpfeife, viele haben fahrbare Videospiele vor sich, Computer auf Rollen. Ein Bild luxuriöser Faulheit, wie es nur in den Emiraten möglich ist, wo gerade mal jeder hundertste Einheimische in der Privatwirtschaft arbeiten muss. Sie sind lieber Beamte, Polizisten und Lehrer, ihr Anblick verspottet die Fleißigen. "Alle träge und dumm", macht sich Gopal Luft. "Wir Inder sind viel cleverer."

Nach dem Essen fährt er im Taxi weiter, nach Süden. Halb fertige Wolkenkratzer und Sandhaufen hinter Zäunen. Daran Plakate, das Paradies unter Palmen. Selbst wo nichts ist, sind die Visionen bereits abgesteckt. Eine Straße führt ins Meer. Aufgerissener Boden, über den dunkelhäutige Arbeiter im Blaumann wimmeln. Wohnblocks, die aussehen wie von Kinderhand geformt, ein arabisches Disneyland auf künstlichen Sandbänken. Es wächst aus dem Wasser in den Umrissen einer Palme, 4000 Häuser und Apartments, Siemens liefert die Sicherheitstechnik. Auch Deutsche verdienen mit an der Ausbeutung der Arbeiter. In vier Jahren soll die Palmeninsel fertig sein. The Palm, Jumeirah, ist die Baustelle, auf der Karuna starb.