Die Uniformierten rücken näher an Gopal heran, als wollten sie ihn am Fortlaufen hindern. Die Arbeiter verstummen, zerstreuen sich. Sie verschwinden in den Schlafsälen. Der Verwalter setzt ein überlegenes Lächeln auf. Irgendetwas – Selbstgewissheit, Mut, Zuversicht – verpufft in Gopals Gesicht.

Vor ihm steht der Japaner aus der Leichenhalle. Mr. Yasui, Chef der Shimizu Corporation in Dubai. Er ist höchstens zehn Jahre älter als Gopal. Ein Ausländer mit Verbindungen zur Regierung. Herr über 3000 Gastarbeiter. Er bleibt ein paar Meter vor den Dunkelhäutigen stehen, als hindere ihn etwas daran, näher zu treten. In die Stille, die plötzlich herrscht.

Das Eintreffen des Chefs ist ein Signal, das jeder hier richtig deutet: Dubais Ordnung ist gestört. Die Ordnung des Geldes, der ungerecht verteilten Chancen. Die Willkür, mit der die Herrschenden regieren. Gopal ist schuld. Weil er hier auftaucht mit einem deutschen Reporter.

Damals, in der Leichenhalle, hat der Japaner Gopal an der Schulter berührt, eine Geste des Trostes. Jetzt tut er so, als erkenne er ihn nicht. Er stellt sich nicht vor. In seinen Augen ist keinerlei Freundlichkeit. Ob Karunas Eltern ihr Geld erhalten werden, hängt wohl ganz allein von ihm ab.

Gopal verharrt reglos, wie betäubt. Der Asphalt glüht, nirgendwo gibt es Schutz vor der Sonne. Der Innenhof liegt am äußersten Rand dieser Stadt ohne Gnade, nun ist er für einen Augenblick ihr Zentrum. Ist dies Gopals Chance? Der ewige Diener, der Putzmann aus Ithampadal, dem Dorf der Kuh- und Schafzüchter, ist der Macht so nah. Mr. Yasui hat ihm noch keinen Blick gegönnt, als Gopal einen Schritt auf ihn zutritt. Die Lederschuhe des Firmenchefs glänzen, sie sind frisch geputzt. Vielleicht von einem Inder. "Wann schicken Sie das Geld?", sagt Gopal.

Yasui hält die Arme verschränkt. Er antwortet nicht. Gopal hört genau hin in dieses Schweigen. Hört, wie überflüssig und unangemessen der Japaner seine Anwesenheit findet. Wie maßlos es ihn ärgert, dass ein Gastarbeiter Forderungen stellt. "Nächste Woche bin ich in Indien", drängt Gopal. "Was soll ich der Familie sagen?"

Yasui scheint ein paar Zentimeter über dem Boden zu schweben. Eine Art Ekel ist in dieser Haltung, vor dem Staub unter seinen Füßen, dem Dreck. Vielleicht auch vor Gopal, der gegen die ungeschriebenen Gesetze Dubais verstößt.

"Sagen Sie ihr gar nichts", sagt Yasui. Seine Stimme klingt leiernd wie ein Tonband, unerreichbar für die Worte, die Bedürfnisse anderer. "Wir senden das Geld auf einem angemessenen Weg."
Er wendet sich seinem Assistenten zu. Gopals Augen sind stumpf. Dieser Yasui hat keinen Respekt vor ihm. Und doch hat Gopal ihn gezwungen, an das Leid von Karunas Eltern zu denken. Gopal löst sich aus dem Kreis der Wächter und steigt in das Taxi.

Auf der Rückfahrt sitzt er apathisch da. Sein Wohnheim liegt hinter der nördlichen Stadtgrenze, im Emirat Schardscha, neben einer dröhnenden Straße. Der Pförtner soll darüber wachen, dass keine Besucher kommen. Ein Zimmer mit 24 Doppelstockbetten, einer Neonröhre, einem kleinen Fernseher, DVD-Player. Gopals Bett ist gleich neben der Tür. Auf dem Boden ein schwarzer Schalenkoffer, bald muss er packen. Sechs Tage noch. Gopal legt eine DVD ein. Ein Video von zu Hause, ein Hindufest in Ithampadal. Da ist Karuna, er trägt eine Sammelbüchse durch die Menge. Alle wirken fröhlich, Karuna nicht. Gopal stoppt das Bild. Er starrt lange darauf.

"Es war ein guter Tag", sagt er, als müsse er sich noch überzeugen. Mehr konnte er nicht tun.