Es reicht eine einzige Szene aus dem Leben der Popband Wir sind Helden, um den Umbruch, den die Musikindustrie gerade durchlebt, zu begreifen. Ein Mittwochnachmittag Mitte Februar, ein Café in Berlin-Kreuzberg. Judith Holofernes, 32, Sängerin der Band, und Jens Eckhoff, 33, Keyboarder, haben sich an den abgelegensten Tisch gesetzt, und doch kommt ein Mann Mitte 20 auf sie zu, wedelt mit CDs. Ein Fan? Will er ein Autogramm? Nicht ganz. Er ist Musiker, hat seine Hip-Hop-Songs auf CD gebrannt und verkauft sie nun direkt an die Kundschaft, Tisch für Tisch. "Zwei CDs für 15 Euro!", sagt er. "Ist wirklich gut, mein Sound!" Die Helden kaufen, er steckt das Geld ein, zieht zum nächsten Tisch.

"Ich erlebe das oft in letzter Zeit", sagt Holofernes, "dass Nachwuchsmusiker ihre Alben gleich selbst verkaufen, um irgendwie Geld zu verdienen." Da ist es nur eine Pointe am Rande, dass der Rapper nicht bemerkt hat, wem er seine CDs verkauft hat. "Wohl nicht ganz unsere Zielgruppe", sagt Holofernes, und Eckhoff lacht: "Eher die von Bushido."

Nur zur Erinnerung: Wir sind Helden sind die stilprägende deutschsprachige Band dieses Jahrzehnts. Sie haben mit charmanten, klugen Texten und schönen, einfachen Melodien, mit einer Mischung aus Selbstironie und politischer Haltung 1,2 Millionen Platten verkauft. Sie sind so oft dafür ausgezeichnet worden, dass aus ihrem Erfolg sogar eine Art Formel wurde, die anderen ebenfalls Erfolg bescherte: Deutsche Texte plus Gitarrenpop plus Sängerin plus männliche Musiker.

Nun haben sie ein Buch geschrieben über ihre eigene Geschichte, von der Gründung vor acht Jahren bis heute, und der Titel ist mit typischem Helden-Humor verfasst: Informationen zu Touren und anderen Einzelteilen. Es gibt einen Einblick in die merkwürdige Welt der Musikindustrie, die zwar längst gegen das eigene Ende kämpft, aber trotzdem glaubt, sie könne den Ton angeben. Zum Beispiel beschreiben die Musiker, wie ihr erstes Management eines Tages die Sängerin zum Termin bittet und ihr erklärt: Schmeiß die Jungs raus, wir bringen dich alleine groß raus. "Ein echt finsterer Moment", erinnert sich Holofernes. Die Band bleibt zusammen – und schmeißt das Management raus.