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DIE ZEIT: Sind Sie überrascht, dass gleich knapp 1.000 Deutsche in die Liechtensteiner Affäre verwickelt sein sollen?

Richard Murphy: Nein, das ist keine Überraschung. In Großbritannien hatten wir im vergangenen Jahr einen Fall, bei dem sich am Ende etwa 60.000 Menschen freiwillig selbst anzeigten. Steuerexperten wissen, dass eine sehr große Zahl Deutscher in Steueroasen wie Luxemburg und Liechtenstein Konten unterhält, um Steuerpflichten zu umgehen. Die Methoden sind nur feiner geworden.

ZEIT: Mit dem klassischen Geldkoffer, der unter dem Autositz in die Alpen geschmuggelt wird, hat das also nichts mehr zu tun?

Murphy: Nein, der ist aus der Mode gekommen, jedenfalls in diesen Kreisen. Üblicher ist es, Scheingeschäfte zu tätigen. Da fließen gewaltige Beraterhonorare, da werden Transaktionen vorgetäuscht, komplett mit Rechnungen und Geschäftsbüchern und Meldungen an die Behörden. Man schätzt, dass sieben Prozent allen Schwarzgeldes durch scheinbar legale Firmen um die Welt fließt. Steueroasen in aller Welt - Klicken Sie auf das Bild BILD

ZEIT: Wer organisiert so etwas?

Murphy: Einige der großen Steuerberatungs- und Buchprüfungsfirmen. Solche Firmen sitzen in Liechtenstein, einem Staat, der gut 34.000 Einwohner zählt, das ist eine kleine Stadt in den Alpen. Wirtschaftlich ist da nichts los. Doch irgendwer ist offenbar bereit, die hohen Gebühren dieser Firmen zu bezahlen. Wenn Sie übrigens die Websites großer Steuerprüfer besuchen, wird es Ihnen nur schwer gelingen, die Liechtensteiner Büros zu finden. Auf der Website von Ernst & Young ist es zum Beispiel unter »Schweiz« versteckt.

ZEIT: In Liechtenstein und an anderen Offshore-Finanzplätzen weist man Ihren Vorwurf der Geheimniskrämerei weit von sich. Dort hört man: Die Leute kommen wegen unserer spezialisierten Finanzprodukte.

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Murphy: Ja, nur wenn Sie dann genau hinschauen, werden diese Finanzprodukte anderswo auf der Welt gemanagt! In Wahrheit geben diese Staaten lediglich ihr Rechtssystem für finanzielle Vorgänge her, die de facto anderswo geschehen. Eine Scheinwelt. Nehmen Sie Liechtenstein. Das grundlegende »Finanzprodukt«, das dieses Finanzzentrum anzubieten hat, ist die Liechtensteiner Stiftung…

ZEIT: …die jetzt angeblich von Klaus Zumwinkel und anderen Steuersündern missbraucht wurde.

Murphy: Was heißt hier missbraucht? Die Liechtensteiner Stiftung ist eines der geheimnisvollsten Finanzvehikel der Welt. Das Regelwerk einer solchen Stiftung kann nicht eingesehen werden. Nirgendwo werden Aufzeichnungen darüber geführt, wer die Stiftung gegründet hat. Theoretisch bekommt Liechtenstein eine geringe Steuer, doch selbst dort sind die Steuerbehörden auf die Ehrlichkeit des verwaltenden Anwalts angewiesen. Es gibt nämlich auch keine Pflicht zur Kontoführung.

ZEIT: Noch kein Beweis für Illegales.

Murphy: Kann denn irgendjemand – ein Steuerberater, ein Anwalt, ein Bankier – glauben, dass diese Konstruktionen für irgendetwas anderes benutzt werden als für verwerfliche Zwecke? Es kommen ausschließlich Kunden aus dem Ausland. Die Gründer zahlen sehr hohe Gebühren. Die meisten geben selbst an, dass sie nicht in Liechtenstein wohnen. Die Berater in Liechtenstein wissen also, dass irgendwo auf der Welt Steuern auf die Erträge dieser Stiftungen anfallen müssten, und ich garantiere Ihnen, dass diese in den allermeisten Fällen nicht gezahlt werden. Die Berater wissen also, dass dieses Spiel betrügerisch ist. Doch Liechtenstein ist eine verschwiegene Welt.

ZEIT: Die 1.000 Namen, die den deutschen Behörden zugespielt wurden, waren also ein einmaliger Glücksfall?

Murphy: Richtig. Aber Ermittler sind fast immer auf solche Glücksfälle angewiesen, um den Schutzwall der Geheimhaltung zu durchbrechen. Sonst ist es fast unmöglich, Einzelpersonen auf die Spur zu kommen. Bei registrierten Unternehmen sind unsere Chancen schon größer, weil deren Buchungen mehr Spuren im System hinterlassen.

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ZEIT: Wie häufig werden Fahnder fündig?

Murphy: Das kommt auch darauf an, wie viele Leute intensiv hinschauen. Die britischen Steuerbehörden etwa kamen im vergangenen Jahr dahinter, dass die Banken einiger Steueroasen bestimmte Computerbuchungen auf dem britischen Festland vornahmen. Also konnten sie diese Daten beschlagnahmen. Gelegentlich gibt es undichte Stellen im System der Geheimniskrämer, wie jetzt in Liechtenstein. Wer die Augen offen hält, kann auch viele Fakten aus Gerichtsakten oder dem Kleingedruckten in Geschäftsberichten ablesen.

ZEIT: Klingt trotzdem so, als kratzten die Fahnder nur an der Oberfläche herum.

Murphy: Fast nie sind seriöse und umfassende Studien über die Finanzströme gelungen, über die wirtschaftliche Basis dieser Finanzplätze, über die wichtigsten Akteure. Es gibt auch kaum ernsthafte rechtswissenschaftliche Arbeiten darüber, wie man diese Finanzzentren zur Herausgabe von Informationen zwingen könnte. Wir wissen über all diese Dinge noch sehr wenig.

ZEIT: Kein Wunder, wenn alles so geheim ist.

Murphy: Es wird aber auch nicht konsequent darüber nachgedacht. Wir müssen uns darüber klar werden, dass dies ein internationales Phänomen ist, das man nicht am Beispiel eines einzelnen Landes erschöpfend untersuchen kann – und auch nicht in einem einzigen Land bekämpfen. Da fließt Geld durch komplexe finanztechnische Strukturen, die von Banken, Buchhaltern und Anwälten aufgebaut werden und die weder technisch noch rechtlich einen festen Platz auf der Welt haben.

ZEIT: Sie meinen, niemand fühlt sich zuständig?

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Murphy: Genau. Deutsche Behörden kümmern sich um Finanztransaktionen in Deutschland. Wenn sie den Eindruck haben, dass sie in Großbritannien stattfinden, bitten sie die britischen Behörden um Amtshilfe. So funktioniert das System der Überwachung und Regulierung. Aber hier richten Regierungen wie die von Liechtenstein bewusst Strukturen ein, die die Regeln anderer Staaten unterwandern sollen.

ZEIT: Man könnte die Staaten unter Druck setzen.

Murphy: Schon, aber da kommt ein Problem hinzu: Viele Regierungen und Behörden wollten das in der Vergangenheit gar nicht. Für den eigenen Finanzmarkt, etwa London, können solche Einrichtungen sehr hilfreich sein. Entsprechend viel Lobbying wurde betrieben. In Offshore-Zentren geht man ja nicht nur so locker mit den Steuerpflichten in anderen Staaten um, sondern auch mit der Aufsicht über bestimmte Finanzinstrumente. Erst jetzt, wo das Problem so groß geworden ist, wo Geldwäsche als echte Bedrohung der Staaten wahrgenommen wird und enorme Steuersummen hinterzogen werden, heißt es: Das Monster ist außer Kontrolle!

ZEIT: Und Sie sagen, das Monster wurde überhaupt erst mit offizieller Genehmigung losgelassen?

Murphy: Ja. Auch einige Staaten haben die Offshore-Finanzzentren für ihre Zwecke benutzt, das ist ein offenes Geheimnis. Die Franzosen haben darüber ihre Ölgeschäfte unterstützt, die CIA hat verdeckte Operationen in Mittelamerika finanziert und vieles mehr. Die britische Regierung hat sogar vielen ihrer abhängigen Gebiete vorgeschlagen, Offshore-Finanzzentren einzurichten, als Einnahmequelle. Die Hälfte aller Steueroasen sind heute britische Hoheitsgebiete! Kein Zufall.

ZEIT: Kann man das denn noch zurückschrauben?

Murphy: Klar. Wenn die Staatengemeinschaft es ernst meint, kann sie die Steueroasen über Nacht schließen. Wir schalten die Computer ab, die diese Zentren mit unseren Finanzplätzen verbinden. Wir machen es illegal, Geld dorthin zu überweisen. Wir verbieten Kreditkartenfirmen, an diesen Orten anonyme Karten auszustellen. Bloß eine Frage des politischen Willens.

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ZEIT: Es gab doch schon solche Versuche.

Murphy: 1998 etwa hat die OECD eine Initiative gestartet, um Steueroasen unter Druck zu setzen. Sie bekam aber gleich Probleme. Erstens, weil einige OECD-Länder nicht mitmachen wollten, etwa die Schweiz und Luxemburg. Zweitens, weil aus einer sehr rechten, wirtschaftsliberalen Ecke in Amerika großer Widerstand kam. Wirtschaftsliberale Thinktanks, gut finanziert von Banken, Buchhaltern und Rechtsanwälten, redeten auf die Bush-Administration ein. Die Strafaktion gegen Steueroasen unterwandere den Steuerwettbewerb auf der Welt. Die Initiative verlor ihren Schwung.

ZEIT: Das war vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Seither kämpfen gerade die Amerikaner erbittert gegen die Geldwäsche.

Murphy: Ja, weil diese beim Finanzieren von Terrororganisationen hilft. Da hat es seither viele Initiativen und auch viel Druck auf die Offshore-Finanzzentren gegeben. Aber schauen Sie einmal genau hin, etwa bei den jüngsten Vorstößen des Internationalen Währungsfonds IWF zu diesem Thema: zur Steuerhinterziehung kaum ein Wort.

Richard Murphy (49) ist ein renommierter Experte für Steuerflucht und Geldwäsche. Der gelernte Steuerprüfer spürt im Auftrag von Untersuchungskommissionen, Nichtregierungsorganisationen oder Medien Steuersünden und Korruptionsfällen nach. Er hat das Tax Justice Network mitgegründet, eine weltweit tätige Nichtregierungsorganisation, die Informationen über Finanzoasen zusammenträgt. Murphy lebt in Norfolk, England

Die Fragen stellte Thomas Fischermann