ZEIT: Es gab doch schon solche Versuche.

Murphy: 1998 etwa hat die OECD eine Initiative gestartet, um Steueroasen unter Druck zu setzen. Sie bekam aber gleich Probleme. Erstens, weil einige OECD-Länder nicht mitmachen wollten, etwa die Schweiz und Luxemburg. Zweitens, weil aus einer sehr rechten, wirtschaftsliberalen Ecke in Amerika großer Widerstand kam. Wirtschaftsliberale Thinktanks, gut finanziert von Banken, Buchhaltern und Rechtsanwälten, redeten auf die Bush-Administration ein. Die Strafaktion gegen Steueroasen unterwandere den Steuerwettbewerb auf der Welt. Die Initiative verlor ihren Schwung.

ZEIT: Das war vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Seither kämpfen gerade die Amerikaner erbittert gegen die Geldwäsche.

Murphy: Ja, weil diese beim Finanzieren von Terrororganisationen hilft. Da hat es seither viele Initiativen und auch viel Druck auf die Offshore-Finanzzentren gegeben. Aber schauen Sie einmal genau hin, etwa bei den jüngsten Vorstößen des Internationalen Währungsfonds IWF zu diesem Thema: zur Steuerhinterziehung kaum ein Wort.

Richard Murphy (49) ist ein renommierter Experte für Steuerflucht und Geldwäsche. Der gelernte Steuerprüfer spürt im Auftrag von Untersuchungskommissionen, Nichtregierungsorganisationen oder Medien Steuersünden und Korruptionsfällen nach. Er hat das Tax Justice Network mitgegründet, eine weltweit tätige Nichtregierungsorganisation, die Informationen über Finanzoasen zusammenträgt. Murphy lebt in Norfolk, England

Die Fragen stellte Thomas Fischermann