Die kleine Gemeinde Jungholz im Allgäu hat die höchste Bankendichte der Welt. 350 Einwohner, drei Banken. Jungholz liegt in Österreich, ist wirtschaftlich aber an Deutschland angeschlossen. Es gibt keine Zollkontrollen, dafür gilt das strenge österreichische Bankgeheimnis. Besonders begehrt bei Steuersparern aus Deutschland: das Goldfinger-Nummernkonto. Die Besitzer legitimieren sich per Kennwort, Kontonummer und Fingerabdruck. Das alles ist legal.

An der Landstraße von Bietingen nach Schaffhausen werden die Illegalen gejagt. Hier, an der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz, ziehen die Zollbeamten jeden Tag zwei bis drei Geldschmuggler aus dem Verkehr. Bis zu 10.000 Euro in bar dürfen Deutsche unangemeldet ausführen. Wer mehr über die Grenze bringen will, versteckt die Scheine zwischen Butterbroten oder in der Unterwäsche. Die Gier siegt über das Schamgefühl. Es sind ganz normale Unternehmer und Erben, die bei den Kontrollen hängen bleiben: Menschen mit großem Auto, großem Vermögen und großem Ansehen. Ein großes Unrechtsbewusstsein haben sie nicht. Sie sind ja nicht allein.

Zurzeit sind die Steuerfahnder überall im Land unterwegs. Bankhaus Metzler, Hauck & Aufhäuser, Dresdner Bank – jeden Tag ein neuer Name, jeden Tag eine neue Razzia. Es ist der anstößigste Steuerskandal der Nachkriegszeit: Hunderte, wenn nicht Tausende reiche Landsleute, die ihrer Gier offenbar nicht widerstehen konnten. Sie alle wollten Millionen in Sicherheit bringen – in Sicherheit vor dem eigenen Land. Allen voran steht Klaus Zumwinkel unter Verdacht, Exchef der Deutschen Post und Exlichtgestalt unter den Topmanagern.

Die Empörung könnte größer nicht sein. Doch ist sie nicht zu grell? Dieselben Politiker, die jetzt Steuerflüchtlinge geißeln, haben nicht verhindert, dass Staatsbanken mehr als 20 Milliarden Euro verzockten – wofür auch die Steuerzahler einstehen müssen. Und verleitet nicht erst das komplizierte Steuersystem Reiche und weniger Reiche dazu, ein wenig zu schummeln?

Relativierungen helfen nicht. Es geht um mehr als nur ein paar Steuerkriminelle, die jetzt auffliegen. Etwas ist kaputtgegangen in diesem Land. Sechs von zehn Deutschen halten die soziale Marktwirtschaft inzwischen für unsozial. Fast ebenso viele bezeichnen laut einer Allensbach-Umfrage die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik als ungerecht. Das Vertrauen, dieser Schmierstoff des Kapitalismus, schwindet. Es ist eine gefährliche Entwicklung, vor allem für die Politik.

Die Botschaft der rot-grünen Agenda-Jahre war, dass sich alle mehr anstrengen müssen. Dass Sozialschmarotzer keine Chance mehr haben. Wie aber soll die Regierung den Druck nach unten rechtfertigen, wenn sich die Oberschicht ihrer Verantwortung erfolgreich entzieht? Wenn die Bosse über die Stränge schlagen? Bei Siemens haben sie die Korruption nicht gestoppt, bei VW nicht die Hurerei auf Unternehmenskosten, bei Daimler nicht den Reibach des erfolglosen Exchefs Jürgen Schrempp.

"Es sind die Eliten, die das System zum Einsturz bringen", warnt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Eliten? Jedenfalls sind es viele. Da lösen sich nicht bloß ein paar Handvoll Manager von der Gesellschaft. Der Steuerskandal betrifft Familienunternehmer und andere Vermögende. Auch ihre Villen wurden größer, auch der Startvorteil ihrer Kinder in der Gesellschaft wuchs und ist inzwischen so groß wie selten zuvor. Klein ist nur ihr Wille, sich einzuordnen. Und den Staat zu finanzieren. Der deutsche Klassenkampf ist ein Klassenkampf von oben.